Ein Besuch mit Fernwirkung

13. August 2001, 22:21
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Mit seiner Verbeugung vor Japans Kriegshelden im Yasukuni-Schrein hat Premier Koizumi die Nachbarn in Asien vor den Kopf gestoßen

In feierlicher Kleidung und mit ernster Miene schritt der japanische Ministerpräsident die Stufen ins shintoistische Heiligtum hoch, verbeugte sich kurz und verschwand im Innern des Yasukuni-Schreins von Tokio. Dreißig Minuten dauerte der Besuch Junichiro Koizumis in dem umstrittenen Schrein, der dem Gedenken an 2,5 Millionen japanische Kriegstote und 14 verurteilte Kriegsverbrecher dient, und löste damit in Asien eine Welle der Empörung aus. China und Südkorea verurteilten den symbolischen Akt des Premiers als "unverständlich" und werteten ihn als eine Beleidigung aller asiatischen Staaten, die im zweiten Weltkrieg Opfer der japanischen Aggression geworden waren.

Ursprünglich hatte Koizumi einen Besuch am 15. August, dem 56. Jahrestag des Kriegsendes 1945, geplant. Mit der Vorverschiebung hoffte er, die Kritiker in den benachbarten Staaten zu besänftigen. In einer öffentlichen Stellungnahme bedauerte der Regierungschef die falsche nationalistische Politik der Vergangenheit und versicherte, dass Japan nie wieder "den Pfad des Krieges" einschlagen werde. China und Südkorea bot er an, in direkten Gesprächen seine Entscheidung für den Besuch zu erläutern.

Doch in Seoul und Peking stieß die Stellungnahme auf wenig Verständnis, da Koizumi sich nicht als Privatperson, sondern in seiner offiziellen Funktion als Ministerpräsident im Gästebuch des Schreins eingetragen hatte. "Wir betrachten diesen Besuch zum Symbol des japanischen Militarismus als Verletzung der Gefühle aller Menschen, die Opfer der japanischen Aggression geworden sind", erklärte Kim Euy Taek, der Sprecher des Außenministeriums in Seoul. Vor dem Schrein in Tokio protestierten rund dreißig südkoreanische Nachfahren von Kriegsopfern mit einem Hungerstreik, in Seoul hackten sich zwanzig junge Männer aus Protest gegen den Besuch die Spitze des Kleinfingers ab.


Zeit für "Selbstprüfung"

Ähnlich tönte die Kritik aus Peking. Es gehe um die Frage, "ob Japan sich einer ernsthaften Selbstprüfung der Invasionsgeschichte der Vergangenheit unterziehe", sagte dort der Sprecher des Außenministers. Koizumis Besuch schade den bilateralen Beziehungen schwer. Nun wird erwartet, dass China hochrangige Besuche in den nächsten Monaten absagt und Japan sich mit Entwicklungsgeldern wieder die Gunst der Volksrepublik China zurückkaufen muss.

"Die diplomatische Krise mit den beiden bedeutendsten Handelspartnern in Asien könnte die Regierung von wichtigeren Problemen im Inland ablenken", erklärte Shigenori Okazaki, der politische Analyst des Wertpapierhauses UBS Warburg in Tokio. Kritik äußerten auch Mitglieder der Regierungskoalition und die politische Opposition. "Japans Glaubwürdigkeit in Asien hat einen enormen Schaden erlitten", sagte Yukio Hatoyama, der Chef der Demokratischen Partei. Der Besuch sei auch innenpolitisch inakzeptabel, da die verfassungsmäßig vorgeschriebene Trennung zwischen Politik und Religion verletzt worden sei, erklärte Kazuo Shii, der populäre Chef der Kommunistischen Partei. Bereits im Vorfeld war eine breite Debatte über den Besuch in den Medien gelaufen. Dabei stellte sich auch heraus, dass die Bevölkerung Japans über die militaristische Vorgeschichte des Yasukuni-Schreins nur ungenügend unterrichtet ist und oft gar nicht weiß, dass in dem shintoistischen Heiligtum auch Kriegsverbrecher geehrt werden. Das erklärt auch die Tatsache, dass nach jüngsten Befragungen fast die Hälfte der Bevölkerung den Besuch Koizumis billigte.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2001)

STANDARD-Korrespondent André Kunz aus Tokio
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