Kaiserliches Fernweh

13. August 2001, 19:20
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Ruth Beckermanns Essay "Ein flüchtiger Zug nach dem Orient"

Die heutige Ankündigung sollte man wohl etwas grundsätzlicher beginnen, mit einem Blick auf die Programmpolitik des ORF: Wenn nämlich demnächst der jüngste Dokumentarfilm der österreichischen Regisseurin Ruth Beckermann, Homemad(e), ein Porträt der Wiener Marc-Aurel-Straße, im Kino startet, dann wartet man immer noch auf die Ausstrahlung ihrer letzten Arbeit, "Ein flüchtiger Zug nach dem Orient" 1999) - sie ist erst für 2002 in den "Kunst-Stücken" vorgesehen.

Obwohl international akklamiert und, paradoxer noch, vom ORF nicht selten mitfinanziert, werden österreichische Dokumentarfilme, die nicht von vornherein an ein bestimmtes Sendeschema angepasst sind, dort immer noch als Quotenkiller erachtet.

Zur heutigen Mitternacht, während im ORF David Duchovny aus "Erotischen Tagebüchern" vorträgt, hat man nun zumindest im WDR die Möglichkeit, Beckermanns Reiseessay über die Kaiserin Elisabeth zu sehen. Der Film nimmt seinen Ausgangspunkt von Elisabeths Weigerung, ab ihrem 31. Lebensjahr nochmals vor eine Kamera zu treten. Das Kino hat sich freilich viel später sein eigenes Bild von ihr gemacht, in Romy Schneiders Darstellung der "Sisi" wurde sie zur ewigen Kindfrau verdammt.

Beckermann versucht in "Ein flüchtiger Zug nach dem Orient" vom Klischee zurück zur freiheitssuchenden Kaiserin zu gelangen, von Sisi zurück zu Elisabeth. Eine Reise in der Zeit, die sich räumlich ausdrückt: In Ägypten, das Elisabeth öfters besuchte, verfolgt sie ihre Spuren, irrt wie sie durch das Labyrinth der Medina, verweilt in den Cafés, verfällt der Schönheit der Farben und des Lichts.

Der Orient ist das zweite übercodierte Bild dieses Films, das es auf Distanz zu halten gilt. Beckermann stellt sie über einen Off-Kommentar her, in dem Ausführungen Elisabeths mit ihren eigenen Reflexionen wechseln, Mutmaßungen über die Kaiserin und Ägypten auf Skepsis gegenüber dem Prozess der Bilderherstellung stoßen. Diese zuwartende Haltung, die Möglichkeit, die Kamera zurückzuschwenken, um sich nochmals zu versichern, machen ihn glaubwürdig. (kam/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14./15. August 2001)

DI: Ein flüchtiger Zug nach dem Orient
23.55, WDR
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