Unireform: Entscheiden statt palavern

13. August 2001, 19:15
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Einschränkung der Mitbestimmung im Rahmen der Uni-Autonomie birgt Sprengstoff

Eigentlich vermitteln die Universitäten bis Oktober den Eindruck einer dreimonatigen Siesta. Fleißige Wissenschafter forschen jetzt, Studenten gehen ihren Ferialjobs nach. Und alle eint das träge Bewusstsein, dass der Uni-Alltag samt den Aufregungen über die Reformen des abgelaufenen Semesters weit weg ist.

Mitten in dieser Idylle hat das Bildungsministerium nun eine kleine Bombe gezündet: Im Rahmen der erwarteten Vorschläge zur so genannten "Vollrechtsfähigkeit" der Universitäten wird die "drittelparitätische Kommissionswut" (Originalton Elisabeth Gehrer) radikal beseitigt. "Entsorgung der Mitbestimmung" nennt es die SPÖ, die ÖH spricht gar von "Zerstörung".

Fest steht: Man wird die Entwicklung dieses Punktes im Rahmen der "offenen Planung" des Ministeriums (das heißt, die Betroffenen sollen mitreden dürfen) noch genau beachten müssen. Hier ruht Sprengstoff.

Denn einerseits ist völlig klar, dass es eine überbordende Bürokratie an den Unis gibt, über die die Betroffenen stets gestöhnt haben. Gerade die Studentenvertretung hatte häufig Probleme, alle (mit Professoren, Assistenten und Studenten drittelparitätisch besetzten) Gremien zu beschicken. Es ist auszuschließen, dass die Beteiligten immer genau wussten, worüber sie da abzustimmen hatten.

Universitätslehrer klagten, ihren eigentlichen Aufgaben nicht mehr nachgehen zu können, weil man ständig von einer Kommissionssitzung zur anderen jage. Da wurde über alles Mögliche entschieden: Personalpolitik, Geräteanschaffung, Autoabstellplätze, Habilitationen und Zeugnisanerkennungen.

Damit soll Schluss sein. Das ist einerseits durchaus zu begrüßen. Autonomie und Globalbudgets sind nur mit nachvollziehbaren Managemententscheidungen zu bewältigen. Das basisdemokratische Modell der Achtundsechziger ist an der Praxis gescheitert. Außerdem schlägt das Pendel der Zeit längst in die andere Richtung aus. Österreich ist eines der letzten Länder, das dem Trend nach klaren Verantwortlichkeiten an den Hohen Schulen folgt.

Andererseits birgt eine glatte Führungsstruktur auch das Risiko einer ausschließlich von der Professorenkaste autoritär geführten Institution. Zwar werden die Studenten im künftigen Spitzengremium - dem Senat - zu einem Viertel vertreten sein und bei Studienplänen mitstimmen dürfen. Dass aber die Assistenten noch weniger Vertreter (ein bis zwei im zwölf- bis 24-köpfigen Gremium) haben werden, ist nicht ganz nachvollziehbar. Ist es doch häufig der Mittelbau, von dem Innovationen an den Unis ausgehen.

Positiv ist: Es wird weniger Selbstblockaden durch gremiales Dauersitzen (samt zahlreichen begnadeten Selbstdarstellern) geben. In keiner Firma würden derartig komplizierte Entscheidungsprozesse akzeptiert.

Allerdings werden die Universitäten auch künftig keine "normalen" Unternehmen sein. Dass ihre meist überdurchschnittlich mündigen und selbstständigen Beschäftigten die seit einem Jahr rollende Reformlawine mit großer Skepsis betrachten, ist kaum verwunderlich. Besonders mit der überfallsartigen Einführung der Studiengebühren wurden sie vor den Kopf gestoßen. Außerdem ist die letzte Organisationsreform noch gar nicht so lange her, und heuer musste man auch noch ein Übergangsdienstrecht verdauen. Uni-Angehörige beklagen zu wenig Mitspracherecht. Wären sie allerdings von Anfang an komplett einbezogen gewesen, wären viele Reformen wohl den stillen Kommissionstod gestorben. Schließlich hat man im "zu Tode palavern" ausreichend Übung.

Bereits im Oktober 2002 soll der Übergang zur neuen Rechtsform geschafft sein. Gleichzeitig müssen sich die Unis mit der so genannten "Profilentwicklung" beschäftigen. Bis die Universitäten wieder in Ruhe und wirklich autonom arbeiten können, werden sie noch genau das tun müssen, was derzeit als besonders abschaffungswürdig gilt: in vielen Gremien sitzen und diskutieren.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2001)

von Martina Salomon
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