Koizumi: "König Löwe" mit Gespür für den Populismus

13. August 2001, 22:17
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Bei seinem jüngsten Auftritt in Europa verblüffte er seine Amtskollegen im Kreis der G-8-Staaten mit seiner Unkompliziertheit. Für die Fernsehleute wiederum ist Japans Regierungschef das, was man einen "guten Kunden" nennt: Morgens um halb neun sprang Junichiro Koizumi in Genua einmal aus seiner Limousine, steuerte zum Hafenbecken und deutete dann mit den Händen immer wieder die Größe der Fische an, die er glaubte, im brackigen Wasser schwimmen zu sehen.

Das sah gut aus für die japanischen Kameraleute und die Wähler zu Hause: ein dynamischer Mann, dieser Koizumi, und wie vorteilhaft doch die hellen Anzüge, die sonst kein japanischer Politiker zu tragen wagt, zu seiner grauen Haarmähne passen. "König Löwe" heißt er deshalb. Was für ein Unterschied auch zu seinen Vorgängern, dem im Amt verstorbenen Keizo Obuchi, der seiner mangelnden Ausstrahlung wegen den Spitznamen "kalte Pizza" erdulden musste, und Yoshiro Mori, dem ungeschlagenen Meister der verbalen Ausrutscher.

Seit seinem Amtsantritt vergangenen Mai surft der 59-jährige Regierungschef auf einer Welle der Popularität. Einbußen in den Umfragen hat Junichiro Koizumi mittlerweile wohl hinnehmen müssen, doch die Zustimmungsraten lagen ohnehin in schwindelnden Höhen: 80 Prozent der Wähler standen zeitweise hinter ihrem neuen Premier. Koizumis Besuch im Yasukuni-Schrein, dem Shinto-Heiligtum zur Verehrung von Japans Kriegsveteranen, wird den Glanz des Premiers im eigenen Land nur festigen. Mit Gespür für populistische Gesten hat Koizumi diesen Besuch absolviert, der zwar diplomatische Verstimmungen besonders mit Südkorea mit sich bringt (China wird seinen Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO nicht durch einen langen Streit gefährden wollen), aber ganz dem Verständnis des Durchschnittsjapaners entspricht: Man geht zum Yasukuni-Schrein, um seiner verstorbenen Angehörigen zu gedenken, nicht unbedingt, um den alten Eroberungskrieg in Asien zu feiern.

Hinter Koizumis Image des unkonventionellen Politikers - er sieht sich als Unabhängiger innerhalb der Regierungspartei LDP und behauptet, ein Fan der Heavy-Metal-Band "X Japan" zu sein - stehen aber sehr wohl nationale Überzeugungen über Japans Rolle in der Region: Die Verfassung würde er gern ändern, um Militäreinsätze problemloser zu machen und Japans Sicherheitsbündnis mit den USA zu vertiefen.

Koizumi, der seit 1992 Minister in verschiedenen Kabinetten war - sein Großvater hatte bereits als Post-, sein Vater als Verteidigungsminister gedient - und sich mehrfach um das Amt des LDP-Vorsitzenden bewarb, ist geschieden. Seine beiden Söhne zog er allein groß.
(DER STANDARD, Printausgabe, 14.8.2001)

von Markus Bernath
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