Mondmusik, Palmenstrand und gestopfte Hühner

13. August 2001, 21:33
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Innsbrucker Festwochen: Eine Begegnung mit der witzigen Regiekunst von Karoline Gruber

Josef Haydns Oper "Il mondo della luna" beschert zu Beginn des 25-Jahr-Jubiläums der Innsbrucker Festwochen eine Begegnung mit der witzigen Regiekunst von Karoline Gruber. Auch sie konnte jedoch dramaturgische Schwächen des Werkes nicht vergessen machen.

Reinhard Kager


Innsbruck - Genüsslich hackt Lisetta an der großen Gurke, um sie hintersinnig anspielungsreich vor den entsetzten Augen des lüsternen Buonafede in ein blutiges Huhn zu stopfen. An drastischen Verweisen fehlt es der pointiert-witzigen Regie Karoline Grubers nicht, die zur Eröffnung der Innsbrucker Festwochen Joseph Haydns Il mondo della luna inszenierte.

Zum 25-Jahr-Jubiläum kann es sich das Festival leisten, auf den Zusatz "der alten Musik" zu verzichten. Angesichts der internationalen Bekanntheit der Innsbrucker Festwochen wäre das wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Zumal deren künstlerischer Leiter René Jacobs auch keine Berührungsängste zeigt mit der Wiener Klassik, um starre Systematisierungen zu hinterfragen:

Foto: APA/Ilse Ungeheuer
Kobie van Rensburg (als Ecclitico, li.)
und Enzo Capuano (als Buonafede, re.)
in Haydns "Il mondo della luna" im
Innsbrucker Landestheater.

In der Tat lässt Haydns Il mondo della luna, ein 1777 uraufgeführtes Dramma giocoso, noch die Struktur der barocken Opera semiseria erkennen. Die Handlung weist wiederum voraus auf Rossinis Barbiere di Siviglia: Buonafede heißt Haydns Bartolo, der mit Argusaugen gleich drei Rosinas hütet: Seine beiden Töchter Clarice (Elisabeth Scholl) und Flaminia (Iride Martinez) und das Dienstmädchen Lisetta (Silvia Tro Santafé).

Ja, der Zauber

Natürlich wird der alte Einfaltspinsel von den drei Mädels mithilfe des Sternguckers Ecclitico (Kobie van Rensburg) übers Ohr gehauen, der Buonafede (Enzo Capuano) weismacht, ihn auf den Mond transferieren zu können. Als der Zauber der vermeintlichen Mondlandschaft durchschaubar wird, die Ecclitico mithilfe Ernestos (Patricia Risley) und Ceccos (Scot Weir), der anderen beiden verhinderten Liebhaber, arrangiert, bleibt Buonafede nichts anderes übrig, als alle drei Mädchen zu verheiraten.

Eigentlich ein Stoff für eine spritzige Buffa, aber Haydn flicht nachdenkliche Passagen ein, die der Liebe gleichsam auf den Grund gehen wollen. Trotz dieser Mischung aus komödiantischer Motorik und seelenvollem Innehalten zeigt die Oper dramaturgische Schwächen, die selbst Karoline Gruber nicht immer kaschieren kann. Am besten noch im ersten Akt, als sie einige der sechs hintereinander folgenden Arien in verkappte Ensembleszenen verwandelt, wie etwa die Arie Flaminias, die zu einer Showszene mutiert, in der drei italienische Girlies von heute ihr tänzerisches Talent erproben.

Doch obwohl Frank Philipp Schlößmanns zunächst mit einer spießig-ornamentalen Tapete verkleideter Einheitsraum nach der Mondfahrt vor dem leuchtenden Erdenrund in einen bunten Hawai-Kitsch-Palmenstrand kippt, zeigt vor allem der zweite Akt erhebliche Längen. Zwar blitzt an vielen Stellen (wie in der "Mondmusik" im Duett zwischen Ecclitico und Buonafede oder in der zweiten großen Arie der Flaminia) Haydns Meisterschaft auf.

Doch fehlte ihm der theatrale Instinkt, diese Perlen zu einer sinnvollen dramaturgischen Kette zu fügen. Daran konnte selbst René Jacobs nichts ändern, der die Akademie für Alte Musik Berlin farbenreich begleiten ließ.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 8. 2001)

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