Liebeslähmung im Plastikfolienhemd

13. August 2001, 21:14
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Bei ImPulsTanz wurde in die Zukunft geblickt

Ursula Kneiss

Wien - Viereinhalb Wochen ImPulsTanz sind vorüber. Das Festival ist gut gelaufen, hat vor allem fertige Bühnenproduktionen vorgestellt und die noch im Prozess befindenden Arbeiten weitgehend ausgespart. Bewährte Künstler wie Marie Chouinard, Mark Tompkins oder Mathilde Monnier haben den Erfolg des Festivals wesentlich mitbestimmt. Sie alle haben in jahrelanger Recherche zu individuellen, mitunter radikalen Tanzsprachen gefunden.

Generell fiel auf, dass der vielseitig ausgebildete Tänzer wieder gefragt ist. Die Tendenz, welche fein artikulierte Bewegung als "kulinarisch" abstempelte, die alltägliche Geste forcierte und den minimal bewegten Körper zum alleinigen Betrachtungsfeld erkor, dürfte passé sein.

Divergierende Ansichten über Tanz bestimmten auch das Finale: Anita Kaya und Maja Slattery, beide seit langem in Wien aktiv, beendeten die Programmschiene [8:tension]. Zwei Alleingänge, zwei unprätentiöse Auseinandersetzungen mit persönlichen Lebenserfahrungen, die jede Tänzerin nicht nur in den Soli, sondern auch im Duo "Modul 1+1" mitteilt.

Frau und Furie

Die seit zehn Jahren in Wien wirkende Akemi Takeya ist eine mutige Künstlerin. In der unter der Supervision von Ko Murobushi erarbeiteten ImPulsTanz-Eigenproduktion Black Honey Drops nähert sie sich dem erotischen Werk von Georges Bataille. Sie tut es in bekannter Manier: Kompromisslos setzt sie sich ihren Gefühlen aus, ist Frau und Furie, scheut nicht davor zurück, Intimstes preiszugeben.

Vollkommen eingewickelt in eine Plastikfolie, rollt Akemi Takeya im Lichtrund herum, verschafft sich mit einem Messer Bewegungsspielraum, lässt uns ihren Kampf gegen die Macht des Eros miterleben. Bis auf den zerfledderten Mittelteil ist ihr eine stringente Arbeit gelungen.

Getanzte Reflexionen über den sterbenden Schwan

Einen abschließenden Höhepunkt setzten Emio Greco und Pieter C. Scholten mit Conjunto die Nero. Greco, klassisch geschult, zählt zu den hervorragendsten Tänzern im zeitgenössischen Fach. Nun wagte er es, seine höchst artifizielle Bewegungssprache auf andere zu übertragen. Sein erstes Gruppenwerk könnte als düsterer Roman gelesen werden, als im sakralen Umfeld angesiedelte mittelalterliche Geschichte.

Nebelschwaden oder Lichtkegel durchschneiden den fast schwarzen Raum. Bertha Bermudez Pascual tanzt eine Reflexion über den sterbenden Schwan. Langsam rücken aus dem Hintergrund weitere Fantasiewesen nach. Solisten, die zu synchronen Einsätzen zusammenfinden, sich lösen, in der Dunkelheit verschwinden. Dann mit berstender und doch kontrollierter Energie die Bühne wiederholt diagonal queren. Da ist eine Rasanz vorhanden, eine Wildheit, die sich aber in ein festgelegtes Reglement zwingt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 8. 2001)

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