Lieder von und über Uncle Sam

13. August 2001, 20:54
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Bariton Thomas Hampson im Mozarteum bei den Salzburger Festspielen

Salzburg - Am Ende hat sich Thomas Hampson bei den Salzburger Festspielen dafür bedankt, dass er Gelegenheit hat(te), das Projekt I hear America singing zu realisieren, und beim Publikum dafür, dass es ihm auf diese Expedition durch einen tatsächlich unbekannten Kontinent gefolgt ist. Der Dank war natürlich überflüssig. Die gestochene Artikulation, das wunderbare Timbre im Piano, die gebändigte Kraft im Forte, die Ausstrahlung, das dramaturgisch durchdachte Programm - alles war, wie man es sich bei Hampson erhoffen darf.

Dazu kam mit Wolfram Rieger ein Pianist, der die feinsten Nuancen der Stimme im Klang eines Instrumentes zu spiegeln weiß. Liedern von nicht amerikanischen Komponisten, die entweder aus Europa stammten oder in ihrer musikalischen Entwicklung europäisch beeinflusst waren, war das Hampson Projekt II gewidmet: Ausgewählt wurden europäische Komponisten, die quasi aus der Ferne von Amerika fasziniert waren (Paul Hindemith, Ralph Vaughan), in Europa geborene und ausgebildete Komponisten, die in Amerika eine zweite Heimat fanden (Kurt Weill, Sergius Kagen, Jean Berger). Und amerikanische Komponisten, die in Europa studierten. Trotz allem uneingeschränkt Positiven, also trotz Hampsons Stimme, trotz Riegers Klavierspiel, trotz bestechenden Konzeptes stellte sich irgendwann ein Gefühl der Leere ein.

Kleine private Gefühle und große nationale Emotionen

Klangmalerisches Pathos wurde zum prägenden Eindruck, sei es in kleinen privaten Gefühlen (etwa Evening Song von Charels Thomlinson Griffes) oder großen nationalen Emotionen (etwa Dirge for two Veterans von Frédéric Louis Ritter). Das packende, unpathetische Lied Shiloh - Ein Requiem von Hugo David Weisgall nach einem Gedicht von Hermann Melville bekam eine erschütternde Dimension, als Hampson, leider erst im Nachhinein, die Schlacht von Shiloh im amerikanischen Bürgerkrieg von 1862 schilderte. Hätte er doch zwischendurch erzählt . . .

Ein wenig an Schuberts Einsamen erinnerte Lonesome Man von Paul Bowles (1919- 1999), eine der Blue Montain Ballads von Tennessee Willimas. "Endlich ein Lied", war auch der Gedanke bei Heavenly Grass aus dem gleichen Zyklus. Für kurze und durchaus reizvolle Augenblicke verdichtete sich die national-individualpsychologische Sphärenharmonie zu konkreten Stimmungen.
(kla/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 8. 2001)

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