§209-Prozess gegen 37-jährigen Wiener

13. August 2001, 17:52
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Amnesty International spricht von "Gewissengefangenem"

Wien - Amnesty International (AI) adoptierte ihn als "den seit Jahren ersten Gewissengefangenen in Österreich": Am 14. Februar wanderte ein 37-jähriger Wiener Computer-Fachmann in Untersuchungshaft, nachdem auf einen vertraulichen Hinweis hin seine Beziehung zu einem 15 Jahre alten Schüler bekannt geworden war. Zwei Wochen verbrachte der Mann im Gefängnis, nun hat ihn die Staatsanwaltschaft wegen des umstrittenen Paragrafen 209 ("Gleichgeschlechtliche Unzucht mit Personen unter 18 Jahren") angeklagt. Die Verhandlung findet am 28. August statt.

Die Menschenrechts-Organisation nahm den Fall zum Anlass, die sofortige Aufhebung des Paragrafen 209 zu verlangen, da dieser eine "einzigartige Legaldiskriminierung" darstelle, wie Heinz Patzelt, Generalsekretär von AI Österreich, im Hinblick auf das unterschiedliche Schutzalter zwischen Burschen und Mädchen bzw. heterosexuellen und homosexuellen Männern meinte.

Einer Aussendung der "Plattform gegen § 209" zufolge berichtete die Gendarmerie der Staatsanwaltschaft, dass sie auf Grund eines "vertraulichen Hinweises" (von wem wurde nicht offengelegt) erfuhr, dass der Mann eine sexuelle Beziehung mit einem 15jährigen jungen Mann hat. Nachdem sich auf Grund der "im Umfeld getätigten Erhebungen" der Verdacht erhärtet habe, holten sie den Jugendlichen von der Schule und befragten ihn insbesondere zu mutmaßlich von ihm selbst begangenen Ladendiebstählen und anderen Delikten. Dabei verhörten sie ihn auch intensiv über seinen Freund, wobei er die sexuelle Beziehung bestätigte. Bei der Vernehmung (die am ersten Tag über 9 Stunden und am zweiten Tag 2 ½ Stunden dauerte) betonte der Jugendliche, dass der Mann ihn liebt und dass alle sexuellen Kontakte in vollem Einvernehmen erfolgten.

Die Gendarmeriebeamten behaupteten dann einen angeblichen Verdacht des Besitzes von kinderpornographischem Material und erwirkten einen auf § 207a StGB gestützten Hausdurchsuchungsbefehl. Gegenüber der Staatsanwaltschaft behaupteten sie auch, daß sich in der Wohnung des Mannes ein 15jähriger Junge befinde und der Mann auch mit diesem sexuelle Kontakte habe, obwohl es keinerlei Hinweise auf solche sexuellen Kontakte gab und die Beamten wußten, daß dieser Jugendliche nur einen Monat vor seinem 18. Geburtstag stand. Daraufhin wurde er als "hemmungsloser Triebtäter" (wörtliches Zitat aus dem Haftbefehl) in Haft genommen. (APA/red)

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