Mazedonien: Pulverfass des Balkans

13. August 2001, 13:33
20 Postings

Das Land trägt schwer an seinem historischem Ballast

Skopje/Wien - Während des Verfalls des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert war die "mazedonische Frage" eine permanente Ursache für Konflikte zwischen Türken, Bulgaren, Serben und Griechen, sowie für Interessenskollisionen zwischen den europäischen Großmächten auf dem Balkan. Russland unterstützte den 1876 ausgebrochenen Aufstand gegen die Osmanenherrschaft, um seine Einflusssphäre jenseits der Donau zu etablieren, und stieß damit auf massiven Widerstand bei den anderen Mächten.

Im Frieden von San Stefano (Yesilköy) 1878 wurden die neuen Grenzen ausgehandelt. Das wichtigste Ergebnis war die Autonomie für Bulgarien, das auch große Teile Mazedoniens umfassen sollte. Dagegen erhob Österreich-Ungarn Einspruch, weil es die russische Vormachtstellung auf dem Balkan fürchten musste.

Mazedonien an Türkei

Der Berliner Kongress erreichte einen Kompromiss: Österreich-Ungarn besetzte Bosnien und die Herzegowina, Bulgarien wurde auf ein kleines autonomes Fürstentum südlich der Donau reduziert und Mazedonien der Türkei zurückgegeben. Serbien und Montenegro wurden souveräne Staaten.

Dem serbischen Drang zur Adria wurde durch die österreichische Bosnien-Okkupation ein Riegel vorgeschoben. Deshalb richteten sich die serbischen Ambitionen auf Mazedonien. Für die türkische Volkszählung des Jahres 1900 blieben die Mazedonier Bulgaren. Sämtliche Slawisten ordneten die keineswegs einheitliche Sprache der slawischen Mazedonier dem Bulgarischen zu.

Keine Einigung

Im Kampf gegen die osmanische Herrschaft entstand die Geheimorganisation "Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation" (VMRO) (auf sie beruft sich die heutige führende Regierungspartei VMRO-DPMNE in Skopje), die sich den Anschluss an Bulgarien zum Ziel setzte. Am 2. August 1903, dem Elias-Tag, kam es zum "Ilinden-Aufstand", der unter der türkischen Übermacht zusammenbrach. Die Massaker riefen in ganz Europa Empörung hervor. Der österreichisch-russische Gegensatz konnte mit dem Mürzsteger Abkommen zwischen Kaiser Franz Joseph und Zar Nikolaus II. im Oktober 1903 entschärft werden. Dem türkischen Sultan Abdulhamid II. wurden Reformen auferlegt.

1912 griffen Serben, Griechen und Bulgaren erfolgreich die Türken an. Die Sieger konnten sich aber über die Beute nicht einigen. Der Streit um Mazedonien, auf das Serben wie Bulgaren Anspruch erhoben, führte zum zweiten Balkan-Krieg und zur Teilung Mazedoniens zwischen Serbien, Griechenland und Bulgarien. Letzteres wurde geschlagen, was zur Folge hatte, dass die Bulgaren an der Seite der Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg eintraten. Die Niederlage der Mittelmächte 1918 hatte zur Folge, dass das nördliche Mazedonien Bestandteil des neu gegründeten jugoslawischen Staates wurde.

Blutige Auseinandersetzungen

Die VMRO setzte ihren Kampf verbissen fort, sie verübte zahlreiche Terrorakte und war an der Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander Karadjordjevic 1934 in Marseille beteiligt. Innerhalb der VMRO kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, schließlich ließ der bulgarische König Boris in den dreißiger Jahren die Geheimorganisation zerschlagen.

Als Hitler-Deutschland 1941 Jugoslawien und Griechenland überfiel, öffnete sich Bulgarien der Wehrmacht als Aufmarschgebiet und stellte Besatzungstruppen für Mazedonien und Thrazien. Nach Kriegsende wurden die früheren Grenzen wieder hergestellt. Das kommunistische Tito-Jugoslawien gestand den Mazedoniern den Status einer eigenen Teilrepublik zu, auch wurde eine eigene mazedonische Schriftsprache entwickelt. (APA)

Share if you care.