Gefährlicher Medizin-Cocktail

20. August 2001, 10:12
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Zwei Cholesterin-Senker stehen in Verdacht tödliche Nebenwirkungen zu haben

Zwei Medikamente zur Cholesterinspiegel-Senkung stehen in Verdacht, gemeinsam einen tödlichen Cocktail zu ergeben. Dozent Dr. Michael Wolzt, Internist am Wiener AKH, sagt im Interview mit mymed.cc, wie man gefährlichen Wechselwirkungen von Medikamenten vorbeugen kann.

Das Interview führte Peter Seipel

Mymed: Herr Dr Wolzt, Berichte über Todesfälle im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten zur Cholesterinspiegelsenkung haben dieser Tage für Empörung und Verunsicherung vieler Patienten gesorgt. Wie wahrscheinlich kann es zu derartigen Wechselwirkungen kommen?

Wolzt: Die beiden Medikamente, um die es in der aktuellen Diskussion geht, werden nur in seltenen Fällen kombiniert verschrieben und eingenommen. Soviel ich gelesen habe, sind etwa 1.700 Wiener mit dem nun vom Markt genommenen Baycol/Lipobay behandelt worden. Mir ist aber kein einziger Fall von Komplikationen zu Ohren gekommen.

Mymed: Weltweit spricht man aber von 31 Todesfällen, in Deutschland sollen zumindest vier Patienten gestorben sein.

Wolzt: Von der Substanzgruppe der Statine, die auch in anderen zur Cholesterinspiegelsenkung verschriebenen Medikamenten enthalten sind, ist das Nebenwirkungsrisiko bekannt. Es kann zum Zerfall von Muskelzellen und in weiterer Folge zu einem Nierenversagen kommen. Im aktuellen Fall war die Kombination von Baycol/Lipobay mit dem Wirkstoff Gemfibrozil anscheinend besonders unglücklich. Grundsätzlich können die erwähnten Nebenwirkungen aber bei allen Medikamenten aus dieser Substanzgruppe auftreten.

Mymed: Auf welche Warnsignale sollten Patienten achten, die derartige Medikamente einnehmen?

Wolzt: Die Komplikationen kündigen sich mit einer Muskelschwäche oder mit unklaren Muskelschmerzen an, die sich ganz ähnlich wie ein Muskelkater anfühlen, aber eindeutig nicht auf sportliche Betätigung zurückzuführen sind. Treten diese Symptome auf, sollte das Medikament lieber nicht mehr eingenommen und ein Gesprächstermin mit dem verschreibenden Arzt vereinbart werden.

Mymed: Wie kann man sich grundsätzlich vor Wechselwirkungen auch anderer Medikamente schützen?

Wolzt: Als Vorsichtsmaßnahme gilt für alle Patienten: Geben Sie alle Medikamente und auch scheinbar harmlose pflanzliche Präparate oder Vitaminpräparate Ihrem Arzt bekannt, wenn Sie ein Medikament verschrieben bekommen. Es hat sich gezeigt, dass viele Naturheilmittel gefährliche Wechselwirkungen mit Medikamenten eingehen können. So kann zum Beispiel Ginseng die Wirksamkeit von Herz- und Blutverdünnungsmitteln stark beeinflussen. Vitamintabletten, die B6 enthalten, können wiederum ungünstig die Wirkung eines Anti-Parkinson-Medikamentes beeinflussen. Auch sollte man ein Medikament nicht gleichzeitig mit dem Essen, sondern besser eine Stunde vor oder zwei Stunden nach einer Mahlzeit einnehmen und lieber keinen Alkohol oder koffeinhältige Getränke dazu trinken.

Mymed: Es soll ja auch Nahrungsmittel geben, die mit Medikamenten gefährliche Wechselwirkungen eingehen können.

Wolzt: Es ist richtig, dass zum Beispiel Grapefruitsaft den Stoffwechsel eines Patienten derart beeinflussen kann, dass der Abbau bestimmter Medikamente im Körper verzögert wird. Man muss sich das so vorstellen: Alle Abbauprodukte des Stoffwechsels müssen wie durch einen Trichter hinaus. Der Grapefruitsaft drängt sich dabei so gekonnt vor, sodass sich alles andere hinter ihm staut. Die Folge davon kann ein Anstieg der Wirkstoff-Konzentration im Organismus sein, der durchaus gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen kann.



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