Koizumi besucht umstrittenen Kriegtoten-Schrein

13. August 2001, 18:55
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Massive internationale Proteste begleiten Visite des japanischen Ministerpräsidenten

Tokio - Japans Ministerpräsident Junichiro Koizumi hat am Montag unter internationalem Protest einen Schrein für Japans Kriegstote besucht. "Ich habe (den Schrein) besucht, um mein Friedensversprechen zu erneuern", sagte Koizumi. Japan dürfe nie wieder einen solchen Krieg beginnen.

Die Nachbarstaaten kritisierten den Besuch des Yasukuni-Schreins, weil dort auch verurteilten Kriegsverbrechern des Zweiten Weltkriegs gedacht wird. China erklärte, der Besuch habe den Beziehungen zwischen China und Japan geschadet und die Gefühle der Chinesen und der Mehrzahl der anderen asiatischen Staaten verletzt. In Seoul schnitten sich zwanzig Männer aus Protest den kleinen Finger ab.

Proteste

Koizumi sagte, Japan habe in der Vergangenheit aggressive Akte gegen seine Nachbarn begangen und unermessliches Leid verursacht. "Ich möchte im Licht unserer bedauerlichen Geschichte allen Opfern des Krieges mein tiefstes Bedauern und meine Reue ausdrücken." Einige Dutzend Südkoreaner und linke Studenten protestierten vor dem Schrein gegen den Besuch, andere riefen "Danke, danke" und "Banzai" (ein langes Leben). Der Ministerpräsident sagte nicht, ob es sich um einen offiziellen oder einen privaten Besuch handelte. Er sagte, er habe die von ihm geschickten Blumen privat bezahlt und sei als "Ministerpräsident Junichiro Koizumi" da.

Verärgerung

Die offizielle chinesische Nachrichtenagentur Xinhua meldete, der stellvertretende chinesische Außenminister Wang Yi habe den japanischen Botschafter zu sich zitiert, um seine "große Verärgerung" auszudrücken. Das Außenministerium erklärte, die zentrale Frage sei, ob Japan den aggressiven Abschnitt seiner Geschichte ernsthaft bereuen könne. Die Beziehungen zwischen Japan und seinen Nachbarn China und Südkorea sind bereits durch ein japanisches Schulbuch belastet. Nach Ansicht Chinas und Südkoreas werden darin japanische Kriegsverbrechen beschönigt. In dem Yasukuni-Schrein wird der rund 2,5 Millionen japanischen Soldaten gedacht, die in Kriegen seit dem 19. Jahrhundert getötet wurden. Darunter sind auch 14 verurteilte Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs.

Die südkoreanische Regierung bedauerte den Besuch. "Wir finden keine Worte, um unsere Besorgnis auszudrücken, dass ein japanischer Ministerpräsident Kriegsverbrechern seine Ehrerbietung erweist", erklärte das Außenministerium. Der Schrein sei ein Symbol des japanischen Militarismus.

Finger ab

Einige Stunden vor dem Besuch schnitten sich 20 Südkoreaner in Seoul aus Protest mit Miniatur-Guillotinen den kleinen Finger ab. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie die Männer ihre abgeschnittenen Finger in eine südkoreanische Flagge wickelten und dann ohne Anzeichen von Schmerz Parolen riefen.

Der Besuch Koizumis geht auf ein Wahlkampfversprechen zurück. Er hatte angekündigt, den Schrein am 15. August zu besuchen - dem Tag der japanischen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. In Südkorea wird der 15. August als Tag der Befreiung gefeiert, weil mit der japanischen Kapitulation auch die 35-jährige Herrschaft Japans auf der Halbinsel endete. Koizumi sagte, er habe den Termin vorgezogen, weil seine wahren Motive im In- und Ausland missverstanden worden seien. Er wolle die guten Beziehungen zu China und Südkorea erhalten, und ein Besuch am 15. August wäre gegenteilig interpretiert worden.

Innenpolitisch waren die Reaktionen am Montag gespalten. Ein konservativer Parlamentsabgeordneter sagte, die Verschiebung des Termins erwecke den Eindruck, als habe Koizumi dem Druck nachgegeben. Dies habe das Vertrauen in ihn beschädigt. Der kommunistische Parteichef sagte, der Besuch selbst sei falsch. (APA/Reuters)

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