"Schutzalter" für Schwule: Verweigerte Diskussion

16. August 2001, 10:38
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Eva Linsinger über Schüssels politische Kurzsichtigkeit

Die Wiener ÖVP setzt sich dafür ein, das Schutzalter für Schwule zu senken. Die Kärntner ÖVP auch. Die steirische ÖVP auch. Vier deklariert schwule ÖVP-Mitarbeiter auch. Und ÖVP-Obmann und Bundeskanzler Wolfgang Schüssel - überhört hartnäckig alle parteiinternen Debatten und sieht in der ÖVP "keine große Diskussion" zu dem Thema.

Österreich als negative EU-Ausnahme

Dazu gehört nicht nur ein gehöriges Maß an Realitätsverleugnung, sondern auch politische Kurzsichtigkeit: Denn ob es dem Kanzler passt oder nicht, die ÖVP wird nicht daran vorbeikommen, sich der Diskussion um den Homosexuellenparagraphen 209 zu stellen. Der Verfassungsgerichtshof prüft derzeit, ob es rechtens ist, schwulen Sex mit einem höheren Schutzalter zu belegen als heterosexuellen oder lesbischen. Und auch EU-Institutionen machen Druck: Ist Österreich doch das einzige EU-Land mit unterschiedlichem Mindestalter für heterosexuelle und schwule Liebe, wie auch Europarat und UNO in regelmäßigen Abständen rügen. Nicht zuletzt drängt der Koalitionspartner FPÖ, die Diskriminierung Homosexueller zu beenden - möglichst noch vor dem Urteil des Höchstgerichtes.

Außer dem Bundeskanzler und Bischöfen wie Krenn und Laun sind nicht mehr viele ÖsterreicherInnen übrig, die sich gegen eine Änderung des Paragraphen 209 querlegen. Manche in der ÖVP, wie der steirische Landesrat Christoph Hirschmann, sind sogar schon sehr viel weiter und überzeugt, dass auch die Homosexuellen-Ehe kommt "wie das Amen im Gebet". In der Steiermark ist die ÖVP schon kurz vor dem "Amen", hat einen Grundsatzbeschluss zur Gleichstellung homosexueller Paare gefasst - und Schüssel gezeigt: Die christliche Welt stürzt nicht zusammen. Es tut gar nicht weh. Es ist nur ein Schritt zu ein bisschen mehr Gerechtigkeit.
Eva Linsinger

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.8. 2001)

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