Gefährliche Operation

13. August 2001, 06:13
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"Ärzte ohne Grenzen" im Norden von Afghanistan

Christian Schimanek arbeitete für "Ärzte ohne Grenzen" im Norden von Afghanistan. Als Chirurg führte er Operationen durch, die im Endeffekt gefährlich für ihn selbst waren.

In Afghanistan herrschen die fundamentalistischen Taliban. Nur knapp zehn Prozent des Landes, besonders die Provinz Badachschan im Norden, werden von der "Northern Alliance" kontrolliert. Dies ist ein lockeres Bündnis zwischen dem kriegserfahrenen General Massud als Hauptkommandanten und einigen Nebenkommandanten. Oft sind die Herren nicht einer Meinung und liefern sich spontane Gefechte von einem Bergkamm zum anderen. Das kann einige Stunden oder Tage dauern, dann ist meist wieder Ruhe.

Das Distriktspital in Faisabad hat ein Einzugsgebiet von ungefähr 150.000 Menschen. In diversen Kästen des Spitals finde ich überraschend viele orthopädische Materialien. Nur leider gibt es im Spital keinen, der sie anwenden kann. Ich verbringe einen Großteil meiner Zeit damit, den einheimischen Chirurgen Basisversorgung von Wunden und Basisoperationen orthopädischer und unfallchirurgischer Art beizubringen.

Einer der wichtigeren Allianzkommandanten findet den Weg ins Spital. Eine Kugel hat seinen Oberarm vor einigen Jahren durchschlagen, sein Arm hängt gelähmt herunter. Nach meiner ersten Diagnose kann ich dem Kämpfer in Aussicht stellen, den Oberarm zu verplatten und damit stabile Verhältnisse zu schaffen.

Erst nachdem ich zugesagt habe und auch der Kommandant mit der Operation einverstanden ist, wird mir das Risiko, in das ich mich begebe, klar. Mitten unter der Operation meint einer der älteren Pfleger: "Keiner von uns wird diesen Operationssaal verlassen, wenn der Kommandant am Tisch sterben sollte."

Da die Wunde heftig blutet und die Narkose etwas unzureichend ist (wahrscheinlich durch den eifrigen Gebrauch von Rauschmitteln durch den Patienten), wird mir etwas mulmig zumute. Doch alles geht gut. Der Arm verheilt ohne Infektion. Der Herr lädt alle Ärzte und Pfleger zu einem Festessen ein.

Der Basar von Faisabad ist eine echte Überraschung. Dort findet sich vieles: Bohnen, Reis, Getreide, Zwiebel, Nüsse; und jetzt ist Kirschensaison. Sogar Schwammerln gibt es.

Faisabad ist aber die Provinzhauptstadt und liegt direkt an einem großen Fluß. Vielen Bergdörfern geht es nicht so gut. Es hat seit drei Jahren kaum geregnet, und ganze Dörfer müssen von ihren Bewohnern aufgegeben werden. Sie warten auf unsere Hilfe. (DER STANDARD Print-Ausgabe 13.August 2001)

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