"Geld ist die Basis für den Erfolg"

12. August 2001, 21:42
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Stephanie Graf über die Zukunft der österreichischen Leichtathletik

Österreicherinnen und Österreicher pflegen bei internationalen Leichtathletik-Titelkämpfen bescheidene Beute nach Hause zu tragen, und die gegenwärtig herausragende Ausnahme Stephanie Graf, die in der Nacht auf heute in Edmonton um die Goldene im 800-Meter-Lauf rannte, bestätigt nur diese Regel. Nicht bloß auf der Laufbahn. "Bei uns funktioniert es derzeit nur dann, wenn in kleinen Zellen investiert wird, hauptsächlich in Familien. So wie bei mir", sagt Graf, die schon einige Ideen hat, wie man es anstellen könnte, auch Österreicher zu ernsthaft konkurrenzfähigen Läufern, Springern und Werfern auszubilden.


Keine Frage der Gene

Es ist ja nicht so, dass der heimische Älpler oder Pannonier genmäßig benachteiligt wäre gegenüber - beispielsweise - dem Deutschen. Seine Blässe kann auch nicht als Ausrede herhalten, die ukrainische 100-Meter-Weltmeisterin Schanna Pintusewitsch hat genauso bewiesen wie der griechische 200-Meter-Weltmeister Konstadinos Kederis, dass die Bleichgesichter durchaus sprinten können, und sie haben natürlich nicht nur ideellen Lohn dafür erhalten. Graf selbst ist ein wunderbares Beispiel für die Mittelstrecke, in der sie sich seit geraumer Zeit mit der Mosambikerin Maria Mutola matcht, die in Eugene, Oregon, lebt und übt. Womit die beiden dafür sorgen, dass diese Strecke, nicht nur aus heimischer Brille betrachtet, eine der interessantesten ist in der Leichtathletik, weil sich Duelle gut verkaufen lassen.

"Geld ist die Basis für jeden Erfolg", meint Graf, und sie muss es ja wissen. Sie verweist auf das Paradebeispiel Skiverband. In der Leichtathletik vermisst sie langfristige Ziele, "es reicht nicht, wenn man in ein vielleicht vier Jahre langes Olympiaprojekt Geld steckt. Man muss investieren, zehn bis 15 Jahre lang, dann wird auch der Erfolg kommen." Der Leichtathletikverband befinde sich seit Jahren in der Lethargie. Sie, Graf, habe noch keinen Schilling vom ÖLV erhalten. Die 100.000 Schilling Spitzensportförderung der Sporthilfe seien etwas anderes und ganz wichtig, sie finanziere damit die Reisen der Trainingspartnerin (Mama Rita), Massagen, die teure Zusatzernährung, denn mit Kärntner Nudeln allein geht's auch wieder nicht. Trainingslager und die Bezahlung eines kundigen Coaches (Helmut Stechemesser) kosten noch weit mehr.

Der ÖLV hat schon einige Sponsoren (VISA, Wirtschaftskammer), "und daran", glaubt Graf, "bin ich schon wesentlich beteiligt. Ich werde den Anteil, der mir zusteht, einfordern. Wenn sie mir aber schwarz auf weiß nachweisen, dass das Geld für den Nachwuchs genutzt wird, dann ist mir das auch recht, dann werde ich selbstverständlich darauf verzichten."

Stephanie Graf ist heuer erstmals ans große Geld gekommen - wenn die dreifache Golden-League-Siegerin die Saison so erfolgreich fortsetzt, werden am Ende einige Millionen auf ihrem Konto gelandet sein. Der Ehrgeiz und die Unersättlichkeit und das Kochen, wenn man verliert, sind eben nur ein Teil des Weges. "Mit 18 habe ich von meiner Oma 25.000 Schilling als Maturaprämie bekommen. Damit habe ich dann das Trainingslager in St. Moritz finanziert." Und sie erzählt, wie sie daheim in Völkermarkt den Farbenhändler um 2000 Schilling angeschnorrt hat, da und dort ein paar Tausender erhalten hat, um ihr Training zu bezahlen, denn in die Weltklasse zu laufen, ist etwas komplizierter und vor allem kostspieliger, als es den Anschein hat. "Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, dass ich mir alles selber finanzieren kann."

Es geht also darum, in die Spirale "Geld ist Erfolg ist Geld ist Erfolg" und so weiter einzusteigen. Mit dem Erfolg kann es, naturgemäß, nicht beginnen. "Wenn ich jetzt zehn bis fünfzehn Millionen Schilling investiere in junge Leichtathleten, dann wird sich das in zehn Jahren sicher ausgezahlt haben." Mama Rita, die einst die 800 Meter in 2:08,4 Sekunden hinter sich gebracht hat ("aber damals hab' ich noch nicht so viel trainiert"), Gemeinderätin (SP) in Völkermarkt und Kindergärtnerin ist, veranstaltet seit drei Jahren eine bezirksweite Kinderolympiade mit diversen Sportarten wie Laufen, Schlagballwerfen, Fußball. "Jedes Kind läuft von klein auf ganz automatisch richtig. Es kommt nur darauf an, was man draus macht. Es liegen so viele Talente brach", sagt Rita.


Eine Frage der Einstellung

Natürlich gehört eine Einstellung dazu, die Stephanie Graf hat, und die sonst nicht viele haben. "Wenn was nicht hinhaut, ist man immer selber schuld. Und in vielen Seelen steckt es halt, sich Ausreden zu suchen, dass das Hotel schlecht war, der Wind gegangen ist und so. Und wenn einer zum wiederholten Mal um ein Hundertstel ein Finale verpasst, ist das auch kein Pech. Dann muss er einfach schneller laufen."

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 13.8. 2001)

Benno Zelsacher aus Edmonton
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