Walbeobachtung wird zum Milliardengeschäft

12. August 2001, 19:52
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Giganten des Meeres locken immer mehr Touristen an

Victoria - In Victoria, der Hauptstadt des kanadischen Gliedstaates British Columbia, ist die Walbeobachtung ein großes Geschäft. Hier auf Vancouver Island fährt man eine Stunde im schnellen Zodiac (Luftkissenboot), und schon kann man die schwarz-weißen Killerwale in freier Wildbahn sehen.

Die so genannten "Orcas" sind spätestens seit dem Hollywood-Film "Free Willy" zum populären Sympathieträger geworden.

Auf der ganzen Welt ist das Walbeobachtungsgeschäft in den vergangenen Jahren förmlich explodiert. Nach einem Bericht des Internationalen Tierschutzfonds (International Fund for Animal Welfare IFAW) setzte die Walbeobachtungsbranche 1998 über eine Mrd. Dollar um und zog mehr als neun Millionen Touristen an.

Nach Angaben des IFAW betrug die jährliche durchschnittliche Wachstumsrate - gemessen am Geld, das die Touristen ausgaben - von 1994 bis 1998 13,6 Prozent. Seither sei das Geschäft weiter gewachsen, wenn auch vielleicht langsamer wegen der jüngsten Wirtschaftsflaute, schreibt der IFAW. Selbst konservativ geschätzt dürften im vergangenen Jahr über zehn Mio. Menschen an Walbeobachtungstouren teilgenommen und dabei mindestens 1,25 Mrd. Dollar (19,38 Mrd. S/1,41 Mrd. EURO) ausgegeben haben.

Wichtige Branche

Im Vergleich: 1991 gab es diese Touristenattraktion nur in 31 Ländern, und sie wurde von rund vier Mio. Menschen aufgesucht. Heute ist daraus in 87 Ländern ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden. In den USA, in Kanada und auf den Kanarischen Inseln hat die Zahl der jährlichen Walbeobachter bereits die Millionengrenze überschritten. In Amerika waren es 1998 4,3 Mio. Wal-Touristen.

Wer nicht im Zodiac über das Wasser preschen will, wird von Chelsea Garside, einer Studentin, die nebenbei als Begleiterin von Walbeobachtungsbooten arbeitet, zu dem großen Motorboot "Springtide 1" geleitet, das 24 Leuten Platz bietet. Es düst nun in die Grenzgewässer zwischen Kanada und den USA. Die Chancen, in dieser Gegend tatsächlich Wale zu sichten, sind von April bis Oktober relativ gut. Das ist nicht unerheblich, denn für den rund drei Stunden dauernden Ausflug zahlt man in der Regel umgerechnet 630 bis 900 S.

Nach einer Stunde Fahrt drosselt das Schiff den Motor, die Spannung an Bord steigt. Und da - eine schwarze Rückenflosse durchschneidet das Wasser, ein glänzender Rücken zeigt sich. Ein kleiner Bub kreischt vor Aufregung, und auch unter den Erwachsenen bricht Hektik aus, vor allem weil sie sich mit dem Fotoapparat richtig positionieren wollen. Eine Gruppe von vier Walen taucht auf.

Wenn die Motoren schweigen, ist das Schnauben der Meeressäuger deutlich zu hören. Eine zweite Gruppe Orcas kommt in Sicht. Ein männlicher Wal wirft seine acht bis neun Tonnen Gewicht aus dem Wasser in die Luft. Ein anderer Wal dreht sich auf die Seite und klatscht minutenlang mit der Flosse spielerisch aufs Wasser. Neun größere und kleinere Boote sowie zwei Zodiacs umkreisen nun die sechs bis acht Wale und folgen ihrem Pfad. Jeder Veranstalter versucht, seinen Kunden den besten Standort, die beste Sicht auf die Wale zu verschaffen. Die Wale sind fast unablässig unter touristischer Beobachtung. Meeresbiologen warnen bereits vor den Schattenseiten: Die Wale könnten sich in der Nahrungsbeschaffung und der Aufzucht von Jungen gestört fühlen. (STANDARD-Mitarbeiterin Bernadette Calonego, Der Standard, 13.08.2001)

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