Wiener Kaffeehaustradition auf dem Weg zur Amerikanisierung?

12. August 2001, 12:49
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InhaberInnen geben sich ob der "Starbucks"-Kette gelassen

Wien - Wenn global agierende Großkonzerne ihre Fühler nach neuen Geldquellen im österreichischen Markt ausstrecken, geht üblicherweise ein angstvolles Raunen durch die Täler der Alpenrepublik. Doch wie immer gilt: Wien ist anders - und in der braunen Bohne liegt die Kraft: Die Wiener Kaffeehausszene gibt sich überaus gelassen gegenüber der generalstabsmäßig expandierenden US-Schnellkaffeekette "Starbucks", die in der Donaumetropole im Dezember ihren ersten Coffeeshop eröffnen will.

Maximilian Platzer, Fachgruppenvorsteher der Wiener Kaffeehäuser und Betreiber des Cafes "Weimar" in der Währinger Straße, bringt es mit ostentativer Gelassenheit auf den Punkt: "In Wien sind die Leute schon im Kaffeehaus gesessen, da war Amerika noch gar nicht begründet." Die ganze Welt bewundere Wien für diese Jahrhunderte alte Institution, und "der Wiener weiß ja gar nicht, was er da hat". Melange forever, Wien bleibt Wien.

Das Urteil des Kaffee-Barons fällt dementsprechend eindeutig aus: Einen Erfolg der Starbucks-Kette kann er sich nur in "gastronomischen Wüsten" vorstellen. Das Unternehmen sei in den USA so erfolgreich, weil es dort zuvor einfach keine Kaffee-Kultur gegeben habe. "Früher hat man ja amerikanischen Kaffee nicht anschauen können, geschweige denn trinken", so Platzer abschätzig.

Keine Bedrohung

Sein Kollege Edmund Kroyer, Geschäftsführer des Cafes "Westend" beim Westbahnhof, sieht in amerikanischer Systemgastronomie grundsätzlich keine Bedrohung: "Schauen sie: Der McDonald's ist gekommen, und es ist auch alles weitergegangen."

Trotzdem könnte das Selbstbewusstsein der Wiener Melange- und "Einspänner"-Produzenten demnächst nachhaltig erschüttert werden. Starbucks setzt nämlich nicht auf Fast-Food-Flair und Massenabfertigung, sondern erlaubt den Gästen, in bequemen Sofas reinen Arabica-Kaffee zu schlürfen. Ungewöhnlich für eine amerikanische Gastro-Kette ist auch, dass Zeitungen aufliegen und jeder so lange bleiben kann, wie er will.

Herausforderung

Und noch etwas könnte die Wiener Institution ins Wanken bringen, wie ein Lokalaugenschein in einer Starbucks-Filiale in Zürich ergab: Kein "grantelnder" Ober begrüßt den Gast, sondern eine Reihe von scheinbar immer gut gelaunten und permanent lächelnden "Partnern". Auch der schwarze Smoking hat ausgedient. Statt dessen ist das Personal uniform in schwarze T-Shirts, khakifarbene Shorts und dunkelgrüne Schürzen gekleidet.

Dieses "amerikanische Service" ist es, das Anita Querfeld, Chefin der beiden Innenstadt-Cafes "Landtmann" und "Mozart", Sorgen bereitet. Die Wiener Kaffeehäuser hätten generell einen Nachholbedarf bei der Servicequalität. Vor allem an "Korrektheit und der Demut vor dem Gast" mangle es. Querfeld sieht das aber als Ansporn: "Ich werde mir das als Gast anschauen, um zu sehen, was die besser können und mit welchen Leuten sie das machen." (APA)

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