Porno-Plattitüden und Kopulations-Kitsch

11. August 2001, 00:12
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Der heurige Bücherherbst bringt den sexuellen Overkill

Der klassischen Palette weiblicher Methoden, durch Geschlechtsverkehr zu Reichtum zu gelangen, hat die Französin Catherine Millet jetzt eine neue und nicht unbeachtliche hinzugefügt. Statt kommerziellen Koitierens oder vermögenswirksamer Verheiratung schrieb sie einfach ein Buch über ihr Sexleben, eine Art Vagina-Monolog beziehungsweise -Katalog, der ganze Heerscharen von ejakulierenden Eindringlingen verzeichnet, und siehe da: Das große Geld ergoss sich über sie, und zwar reichlicher als in den Träumen jeder Bordsteinschwalbe. 650.000 Mark Vorschuss zahlte allein der Münchner Goldmann Verlag für die deutschsprachigen Übersetzungsrechte, denn was in Frankreich wochenlang die Bestsellerlisten anführt, muss auch anderswo erfolgreich sein.

Die Gründe dieses fantastischen Erfolgs sind freilich ein düsteres Kapitel - nicht nur in literarischer, sondern auch in anthropologischer Hinsicht. Denn nicht nur ist der Text von ähnlicher stilistischer Finesse wie das Polizeiprotokoll einer Razzia im Rotlichtviertel, er stellt auch ein bestürzendes Zeugnis kultureller Depraviertheit dar, weil er die transzendentale Seite der Sexualität radikal leugnet. Dass dieser Text ausgerechnet aus der Feder einer Kunstkritikerin stammt, macht die Sache freilich auf perverse Weise interessant.

Catherine Millet gehört als Chefredakteurin der in Paris erscheinenden Zeitschrift artpress zum Establishment des französischen Kunstbetriebs. Sie war 1995 Kommissarin des französischen Pavillons bei der Biennale in Venedig, so wie schon sechs Jahre zuvor bei der Biennale in Sao Paulo. Sie hat etliche Fachbücher geschrieben, das erste vor zwanzig Jahren über den von ihr verehrten Frauenanfärber Yves Klein sowie eines, dessen Titel jetzt neue Aktualität bekommt: Le critique d'art s'expose.

Mit ihrem Bericht über Das sexuelle Leben der Catherine M. (erscheint im Oktober im Goldmann Verlag, öS 277,-) exponiert sich Catherine Millet in der Tat so hemmungslos wie wenige Autorinnen vor ihr, und diese Hemmungslosigkeit ist auch ihr eigentliches Thema. Seitdem sie es nämlich mit achtzehn - was ja nicht einmal besonders früh ist - zum ersten Mal "machte", respektive "besorgt bekam", entwickelte sie sich sozusagen zu einer Sexual-Stachanowistin, einer Art Akkordarbeiterin an Männerschwänzen, die sie "nach allen Modalitäten nahm", möglichst viele zugleich, an den unterschiedlichsten Orten, in Clubs, im Freien, im Büro, bloß nicht im eigenen Bett. Denn dieses ist ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jacques Henric, vorbehalten, der als Einziger in ihrem Buch unter seinem richtigen Namen auftaucht und der bei der Gelegenheit auch noch ein eigenes Buch über sie veröffentlichte.

Ja, bei der Wahl der Unterlage ist Madame Sans-Gêne sogar richtig pingelig: "Wenn man einen Gegenstand berührt, der einer abwesenden Person gehört, dann berührt man gewissermaßen die Person. (...) Der Gedanke, mich mit einem Handtuch abzutrocknen, das eine heimlich bei uns gewesene Frau zwischen ihren Schenkeln hatte, oder dass Jacques dasselbe Handtuch benutzt wie ein Gast, von dem er nichts weiß, ist für mich so entsetzlich, wie wenn die Lepra bei uns umginge." Diese Matratzen-Metaphysik steht allerdings in eklatantem Gegensatz zu Millets genereller Ungerührtheit in Körper- und Säftefragen: "Wenn ich mich während des Akts im Spiegel sehe, sehe ich vollkommen ausdruckslose Züge."

Mag sein, dass ein derart von allem Seelischen losgelöster Geschlechtstrieb einmal mit den Begriffen Emanzipation und Freiheit in Verbindung gebracht wurde. Das war in der Zeit nach 1968, als die jetzt 53-jährige Millet ihre Erweckungserlebnisse hatte. Ganz auflösen ließ sich schon damals nicht der Widerspruch zwischen Orgasmustheorie und Beischlafpraxis, denn das forcierte Ficken zum Zwecke sozialpsychologischer Weltverbesserung hat die Menschen bekanntlich nicht viel glücklicher gemacht. Auch die lotterhafte Sprache, die damals im öffentlichen Raum Einzug hielt, ermäßigte sich schnell vom Skandal zur Routine, von der Provokation zur Harmlosigkeit.

Vor diesem Hintergrund fragt man sich nach etlichen Seiten Millet-Lektüre, wieso ein solches Buch just im Jahr 2001 erscheint. Es ist kein Porno, denn es dient nicht im Mindesten der voyeuristischen Erregung; es ist keine Beziehungsgeschichte, denn dazu fehlt dem Text jegliche psychologische Dimension. Da die Autorin mit ihrem frenetischen Natürlichkeitsgestus höchstens die Erotik von Nacktbadestränden verbreitet, ist dieses Buch auch alles andere als schockierend. Überhaupt: Wenn sie - nach eigener Aussage - "vögelt, wie sie atmet", wieso hält sie dies dann überhaupt für mitteilenswert? So lässt sich der Verdacht nicht völlig von der Hand weisen, dass in der Entstehungsgeschichte dieser Publikation das Marketingkalkül wieder einmal eine vorherrschende Rolle spielte.

Overkill in Sachen Sex

Womit wir endlich beim Thema wären: Auf dem deutschsprachigen Buchmarkt kommt es diesen Herbst zu einem regelrechten Overkill in Sachen Sex. Der Name Houellebecq hallt noch im Hintergrund, da rückt ein halbes Frauenbataillon von Westen an, um neuartige Fick-Fibeln zu verbreiten. Sie alle dokumentieren, was seit Baise-Moi und Intimacy auch im Kino als Erkenntnis gilt: Der Abstand zwischen Kunst und Hardcore wird geringer.

Den Auftakt bildete im Frühling die Kratz- und Krawallbürste Christine Angot mit ihrem atemlosen und angeblich autobiografischen Bericht Inzest (Tropen-Velag, öS 234,-), der bei seinem ersten Erscheinen in Frankreich anderthalb Jahre zuvor enormes Aufsehen erregte. Angot steigerte ihren Skandalwert noch, indem sie aus Fernsehsendungen fortlief oder anderen Gästen Unverschämtheiten sagte. Dabei ist das wirklich Aufsehenerregende an diesem Buch der Stil: ein von ungeheurer Wut-Energie angetriebenes Céline-Stakkato, mit dem die glühend heiße Sprache zu spitzen und scharfen Waffen gehämmert wird.

Verglichen mit Angots rabiater Radikalprosa erscheinen die Werke von Catherine Millet und Camille Laurens eher als Sperma-Schnulzen und Kopulations-Kitsch. Die 44-jährige Camille Laurens, die für den Roman Dans ces bras-là (was etwas weniger präzise ist als die deutsche Version: In den Armen der Männer (Claassen Verlag, öS 285,-)) im letzten Herbst den Prix Fémina erhielt, lässt sämtliche maskulinen Wesen aufmarschieren, die sie berührt und bestimmt haben: vom Großvater bis zum Geliebten. Letzteren traf sie zufällig auf der Straße und entflammte derart, dass sie sich bei ihm, dem Psychoanalytiker, in Behandlung begab. So konnte sie ihm ihre Philosophie der Anderheit darlegen, die den Kern des Buchs bildet: die totale ontologische Verschiedenheit von Mann und Frau.

Leider jedoch stellen langatmige Abhandlungen über Anderheit keinen allzu aufregenden Erzählstoff dar, sodass die Autorin ständig zwischen diversen Geschichten, Texten und Stilebenen hin und her springt: ein bisschen Erotik-Tagebuch, ein bisschen Nouveau-Roman-Feinsinn und eine ordentliche Dosis Ratgeber-Plattitüden - die Mischung ließ die Kritiker in Frankreich jubeln. Wenn Laurens als typische Eigenschaften des Mannes aufzählt, "dass er die Hälfte der Einkäufe vergisst (er hat die Liste nicht mitgenommen), dass er die Zeitungen, nachdem er sie gelesen hat, auf dem Boden liegen lässt", dann ist das ungefähr so anspruchsvoll wie die phänomenologischen Erkenntnisse, welche die 35-jährige Hamburger Autorin Berit Sörensen nach dem "Studium der Philosophie, Geschichte und der Welt der Männer" in ihrem "nur für Frauen" bestimmten Buch Von Adam bis Zipfel (Scherz Verlag, öS 114,-) zusammengetragen hat: Dort werden Fragen abgehandelt wie die, warum Männer ihre Frühstückseier mit dem Messer köpfen und lieber Champignonschneider als Champignons kaufen.

Da die anthropologische Beschau des Adam unweigerlich bei dessen Zipfel gipfelt, kann eine zeitökonomisch orientierte Lektüre getrost gleich dort einsetzen. Die New Yorker Schriftstellerin und Journalistin Maggie Paley hat sich recherchierend um das männliche Wunderteil bemüht: Sie hat in Lehrbüchern und Pornoheften geblättert, Transsexuelle interviewt und in Chatrooms Männern beim Erfahrungsaustausch über Masturbationstechniken gelauscht. Ihr Buch vom Penis mit dem Titel Unter dem Feigenblatt (Europa Verlag, öS 281,-) ist alles, was der amerikanische Entertainment-Standard verlangt: "vergnüglich", "informativ", aber auch - wenn der Ausdruck hier angebracht ist - ziemlich geschwollen. (Zum Thema Vokabeln der Lust (dtv Verlag, öS 128,-) legt übrigens Max Christian Graeff ein an Sprachsubtilitäten reiches Nachschlagewerk vor.) Paleys aufgesetzte Munterkeit fällt besonders unangenehm auf, wenn man ihr Buch mit demjenigen des belgischen (und übrigens auch als Professor in New York lehrenden) Urologen Bo Coolsaet vergleicht. Er hat gegenüber Paley nicht nur den Vorteil, selbst über den Betrachtungsgegenstand zu verfügen, er trifft auch in Der Pinsel der Liebe (Kiepenheuer&Witsch, öS 196,-) den diesen Dingen angemessenen Ton: ernst, ruhig, konkret. Bloß der Titel ist vielleicht eine Spur zu lyrisch.

Kürzlich schickte Coolsaet seinem in zehn Sprachen übersetzten Penis-Brevier eine mehr psychologisch orientierte Erörterung hinterher: "Liebe, Lust und was wirklich zählt" ist kein "How to"-Ratgeber, der mit Kamasutra und Streichelübungen dem Notstand in den Betten der saturierten Stressgesellschaft beizukommen verspricht. Es handelt sich vielmehr um einen klugen Essay, der die dialektischen Nebenwirkungen im Prozess der (Sexual-)Aufklärung problematisiert: Hat sich die Kampfzone zwischen den Geschlechtern durch die Emanzipation der Frauen ausgeweitet? Wie lassen sich Karriere, Ehe und Elternschaft unter den Bedingungen knapper Zeitbudgets so managen, dass nicht die ganze Lust zum Teufel geht?

Coolsaet glaubt an eine Wiederentdeckung der Sinnlichkeit, nachdem die Epoche der puren Sex-Aktivitäten im Zeichen der Freiheit zu Ende zu gehen scheine. Allerdings spricht einiges gegen diese These, nicht zuletzt die neuesten Literaturimporte aus Frankreich, in denen die Lust zwar ständig angesagt wird, aber aus den Texten abwesend bleibt.

Vielleicht muss man noch einen Schritt weiter gehen und die gängigen Vorstellungen von Lust und Sinnlichkeit im Rahmen von Lebenspartnerschaften ganz neu überdenken, schlägt der Hamburger Psychologe und Paarberater Michael Mary vor. Er hat mit 5 Lügen die Liebe betreffend (Hoffmann&Campe, öS 234,-)einen Antiratgeber verfasst und geht mit seiner eigenen Zunft heftig ins Gericht: Eine Veralberung sei es, den Menschen einzureden, sie könnten ihre Beziehungsprobleme beim Sexualtherapeuten lösen. Das einzige, wovon man sich lösen könne und solle, sei die fixe Idee, dass häufiger Geschlechtsverkehr die Grundlage großer Liebe sei.

Mary behauptet, dass der Rückgang des Begehrens bei lange miteinander verbundenen Paaren nicht nur normal, sondern begrüßenswert sei, weil dadurch die Beziehung von den jähen, anstrengenden und gefährlichen Triebimpulsen entlastet werde, und er empfiehlt, diesen Weg bis hin zu völliger Enthaltsamkeit als einen möglichen Modus des Zusammenseins zu akzeptieren. Sex gibt es schließlich auch anderswo. Dass die Ehe alles leisten müsse, was der Mensch zum glücklichen Leben braucht - soziale Sicherung, geistigen Austausch und obendrein fortwährende Lustbefriedigung -, sei eine Bürde, die man ihr erst im bürgerlichen Zeitalter aufgeladen habe. Es sei aber keineswegs erstaunlich, wenn Beziehungen an solchen Erwartungen zerbrächen. Zu therapieren gebe es da jedenfalls nichts. Ja, woher soll denn noch der köstliche Kitzel kommen, wenn sich die Libido alternder Partner allmählich verschleißt? Wenn Beruf und Kinder das Zeitbudget erschöpfen? Wenn die Ikonographie des nackten Körpers durch das Riesenangebot im Alltag nichts als Überdruss erzeugt? Wenn Aids-Angst und eheliche Eifersucht am Seitenspringen hindern? Und wenn die Milletsche Multilateral-Methode zu nichts als einer grandiosen Unbeteiligtheit führt? Nun, dann bleibt wohl nur noch gute erotische Lektüre.
(DER STANDARD, Album vom 11./12.8.2001)

Von Burkhard Müller-Ullrich,
freier Schriftsteller und Journalist. Er leitete unter anderem die Redaktion "Kultur heute" des Deutschlandfunks.

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