Der Trost der Wirtsleute

10. August 2001, 20:59
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Sven Regeners hochkomisches Debüt "Herr Lehmann"

Die Geschichte ist so alt wie die Umgehung der Sperrstunde: Junge Menschen vom Lande streben nach dem Abitur in die großen Städte, um dort aufregenden Lebensentwürfen nachzustellen. Bildhauer, Designer, Musiker? Scheißegal. Hauptsache "kreativ" und erst zu Mittag aus den Federn. Dann passiert erst einmal gar nichts - und das kann dauern. Zweifel zernagen das Gemüt, die erste Ausstellung, das erste Konzert werden immer wieder verschoben. Kann das wirklich gut gehen? Abwarten. Und: Noch ein Bier!

Der Zweifel aber ist bekanntlich der Trost der Wirtsleute. So findet sich der junge Mensch bald mit Gleichgesinnten erst vor und dann hinter der Theke ein. Der Durst nach Leben wird mit jenem nach Alkohol, den man amateurhaft ausschenkt, während man ihn sich selbst professionell einschenkt, gegengerechnet. Jobben als Barmann, nur vorübergehend, sowieso. Herr Lehmann, der Protagonist des Romandebüts von Sven Regener (40), im Hauptberuf Vorsteher der altehrwürdigen Berliner Absturzhütten-Chanson-Combo Element of Crime und Texter von Song-Klassikern wie "Michaela sagt" und "Du musst jetzt springen", ist so ein Fall. Gut zehn Jahre biografischer Stillstand sind vergangen, als wir Herrn Lehmann im sozialen Feuchtbiotop von Berlin-Kreuzberg früh morgens auf dem Nachhauseweg am Lausitzer Platz begegnen. Wir schreiben den Sommer 1989. Was niemand weiß, bald wird die Mauer fallen. Aber erst einmal fällt Herr Lehmann. Er fällt über einen Hund.

Der sich missmutig durch die Ereignislosigkeit namens "Leben" treiben lassende, bald 30-Jährige arbeitet in einer Trinkhütte namens "Einfall". Welcher Hohn! In betrunkenem Zustand stellt sich ihm morgens also ein Monstrum von Hund entgegen, der ihn nicht um die Burg passieren lassen will. Mit diesem Sinnbild für die Herausforderungen eines langsam dringend notwendigen Übertritts in das Erwachsenendasein hält das Chaos Einzug in das Lehmannsche Lotterleben, der sich morgens sonst eher mit einem Kater, aber keinesfalls mit einem wurstförmigen Wauwau herumzuschlagen pflegt.

Gesoffen wird schließlich auch weiterhin werden. Nach diesem Zwischenfall aber ist nichts wie vorher. Gleich am Vormittag danach verliebt sich Lehmann im dehydrierten Zustand beim Frühschoppen im Zuge eines geradezu sokratischen Disputs über den Sinn des Begriffs "Lebensinhalt" - und einem ihm verweigerten Schweinsbraten - unglücklich in die widerborstige Köchin Katrin, die eigentlich auf Design macht, aber wegen Geld ja nun auch vorübergehend im uneigentlichen Leben jobben muss und bla bla. Zu allem Übel drohen obendrein die bis ins Klischee stimmigen kleinbürgerlichen Eltern nach nur zehn Jahren schöner Wohnen zwischen nicht zurückgegebenen Pfandflaschen einen Antrittsbesuch in Berlin an. Das stellt sich insofern als unangenehm dar, als Lehmann noch schnell ein Restaurant auftreiben muss, das er gegenüber seinen Erzeugern vorgibt zu leiten. Und die engsten Freunde erst! Die drehen aufgrund von dünn machenden Drogen und chronischem Schlafmangel langsam, aber sicher durch.

Sven Regener gelingt hier nicht nur ein hochkomisches Sittenbild der 80er-Jahre-Lumpen-Bohème, geschrieben in der gut beobachteten, bärbeißig flapsigen Sprache von mehr oder weniger selbstbestimmten Studienabbrechern. Dieser auf der Stelle tretende, anekdotische Entwicklungsroman findet so auch heute noch immer aufs Neue statt. Das macht den Roman ebenso zeitlos wie unsympathisch. Herr Lehmann, das sind ja wir! Ob das auch vom Literarischen Quartett erkannt werden wird, das am 17. August über Herrn Lehmann zu Gericht sitzt, bleibt abzuwarten. Von einem gewissen Alter an verträgt man wegen einem sich zunehmend verlangsamenden Stoffwechsel nicht mehr so viel Alkohol. Und mit dem Verständnis für würdeloses Scheitern ist es auch so eine Sache. Lieber schon: Für immer jung! Und: Noch ein Bier, bitte. "Nicht schon wieder, sagte Herr Lehmann leise, nicht schon wieder."

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, Album 11/12. 8. 2001)

Von Christian Schachinger

Sven Regener, Herr Lehmann. Ein Roman. öS 263,-/ 300 Seiten, Eichborn, Frankfurt am Main, 2001.

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    eichborn verlag
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