Die Spielregeln des Lebens

10. August 2001, 20:46
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Eine Sammlung wunderbar leichter und leiser Miniaturen von Natalia Ginzburg

Es ist ein schmaler Band autobiografischer Skizzen, die zwischen 1968 und 1970 in der Turiner Tageszeitung La Stampa veröffentlicht und von der Autorin zwei Jahre vor ihrem Tod 1991 ausgewählt wurden. "Es ist mir nie gelungen, ein Tagebuch zu schreiben. Diese Schriften sind vielleicht so etwas wie ein Tagebuch", schreibt Natalia Ginzburg in einer Nachbemerkung.

Einige Prosaskizzen fügen sich zu einem Mosaik, das Ginzburgs autobiografischen Roman Familienlexikon ergänzt, die Geschichte ihrer Familie und ihrer Kindheit im Turin der Zwischenkriegszeit. Aber ob sie in Kindheit ihre schmerzlich erlebte Außenseiterposition als einsames Kind beschreibt oder in Der weiße Schnauzbart den Einbruch des Unheimlichen und Bedrohlichen in ihr Kinderleben,stets tut sie dies in jener einfachen, klaren und den Dingen zugewandter Sprache, diesem ruhigen, fast intimen Tonfall, den Ginzburg-Kenner als so unverwechselbar schätzen.

Dabei erzählt sie nicht bloß, was gerade der Fall ist, in ihrer Klarheit werden die Texte immer auf etwas Dahinterliegendes, nicht Ausgesprochenes transparent. In Die Wohnung beschreibt sie die ermüdende Suche nach einer neuen Wohnung, die disparaten Vorstellungen der beiden Eheleute, was die Wohnung haben und wo sie liegen soll, zahllose entmutigende Besichtigungen. Und allmählich wird die Wohnungssuche, ohne dass es ausgesprochen werden muss, zu einer Suche nach Behaustheit, nach einem Platz im Leben und in der Welt, und es werden die Bedingungen analysiert, die ein solcher Ort erfüllen muss. Nicht Äußerlichkeiten sind es, sondern Erinnerungen, die er hervorruft, Assoziationen und eine intuitive, unerklärliche Sympathie, an der alle rationalen Gründe abprallen.

Andere Texte in diesem Band sind Reflexionen über das Älterwerden, Auseinandersetzungen mit dem Zeitgeist, Überlegungen zum Prozess des Schreibens. "Wenn ich ehrlich sein soll, so flößt mir meine Zeit nur Haß und Langeweile ein", schreibt sie in Kollektives Leben. Es ist ein erstauntes, auch bitteres Erkennen, dass sie mit ihrer Zeit nicht mehr im Einklang steht, ein Thema, das sie mehrmals aufgreift, und vieles an diesen Überlegungen zum Älterwerden erinnert an Jean Amérys großen Essay Über das Altern. Die Zeit, mit der sie heillos und zornig zerfallen ist, sind die späten Sechzigerjahre, aber was sie über sie zu sagen hat, trifft auch auf unsere Zeit zu: "Ich denke, was ich an meiner Zeit hasse, ist im wesentlichen eine falsche Auffassung von nützlich und nutzlos ... Das beliebteste Lebensalter heutzutage ist die Adoleszenz ... ohne Vergangenheit und Zukunft, weil sie weder Vorsätze noch Erinnerungen hat ... sondern nur eine blitzartige Empfindung von Überleben und möglicher Wahl."

Auch in ihrer Polemik ist Natalia Ginzburg genau und maßvoll, kompromisslos ehrlich auch sich selbst gegenüber und ohne jede Koketterie. Leben bedeutet für sie zuallererst Schreiben und schreibend auf etwas zu stoßen, das sie "das Wahre" nennt. Das Buch ist auch, wie bereits der Essayband Die kaputten Schuhe ein Fortschreiben an ihrer Poetologie. Aber vor allem ist es ein kluges und leises Buch, in das eine große Schriftstellerin die Erkenntnisse ihres Lebens gelegt hat, nicht immer ohne Bitterkeit, manchmal voll Trauer, aber immer mit leichter, sicherer Hand. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Album 11/12. 8. 2001)

Von Anna Mitgutsch

Natalia Ginzburg, Nie sollst du mich befragen. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. öS 188,-/ EURO13,66/144 Seiten. Wagenbach, Berlin 2001

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