Tödlicher Lebensschützer

10. August 2001, 20:35
posten

George Bush hat also entschieden: keine öffentliche Förderung für Stammzellforschung mit noch lebenden Embryonen. Dafür aber staatliche Subventionen für bereits bestehende Zelllinien. Ein bemerkenswerter Kompromiss: erstens, weil der US-Präsident eine Entscheidung trifft, um die sich andere Industrienationen drücken. Am lebhaftesten zu beobachten beim Eiertanz, den die deutsche Forschungsgemeinschaft um ihre Empfehlung oder Nichtempfehlung aufführt. Zweitens, weil Bush damit keine unwiderruflichen Tatsachen schafft, die in einem so dynamischen Bereich unangebracht wären. Aber vor allem ist Bushs Entscheidung bemerkenswert, weil sie differenziert ist. Nicht wie die Gentechnik-Debatte: Medizin hui, Lebensmittel pfui. Da hat die Praxis die Schwarz-Weiß-Malerei längst widerlegt: Die Gentherapie hat ihren ersten Toten gefordert, Genmais dagegen noch keine bekannten menschlichen Opfer.

Bush differenziert auch mehr als in der Stammzell-Diskussion üblich, die oft Forschung mit Knochenmarks- oder Nabelschnur-Zellen (als gut) in Opposition zu jener an Embryozellen (böse) bringt. Nicht jede Forschung an embryonalen Zellen, so zeigt erstmals ein Spitzenpolitiker auf, erfordert Tötung von Mehrzellern. Denn auch ein Embryo stirbt nur einmal. Und wer sich gegen das Forschen an Toten (oder aus ihnen gewonnenen Zelllinien wie hier) ausspricht, kann gleich das Medizinstudium mit dem verwerflichen Sezieren abschaffen.

Und dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack von faulem Kompromiss. Nicht in der Schärfe wie bei der - vor allem im STANDARD diskutierten - Forderung einzelner Wissenschafter, "überzählige Embryonen" nicht einfach so in den Gulli zu schütten, sondern vorher noch - selbstredend mit dem Ausdruck des Bedauerns - zu Forschungszwecken zu zerstören.

Bei Bush stößt vielmehr auf, dass da einer weder Fisch noch Fleisch will. Zwar zieht der Texaner "eine fundamentale moralische Grenze" genau da, wo das Töten beginnt. Doch da redet der richtige Moralexperte. Nichts gegen den Schutz für Menschen im mikroskopisch kleinen Frühstadium. Aber dann bitte auch für Ausgewachsene nach Verurteilung zum Tode. Und für jene von Wüstenausbreitung und Flutkatastrophen Bedrohten, die durch Bushs Antiklimapolitik über kurz oder lang je nach (Dritte-)Weltgegend absaufen oder verhungern werden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 8. 2001)

Von
Roland Schönbauer

Share if you care.