Nahost: Hochbrisante Antwort - Gudrun Harrer

10. August 2001, 19:29
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Die Vergeltung für die Vergeltung für die Vergeltung etc. hat also stattgefunden, wieder steht man in Grauen und Trauer vor Bildern von unfassbarer Brutalität. Auch wer den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern mit der für Journalisten gebotenen Distanz von außen zu beobachten versucht - was einem von beiden Seiten gleichermaßen verübelt wird -, ist an solchen Tagen vor allem von Wut gegen die Täter erfüllt und gegen jene, die eine solche Tat feiern.

Das Bewusstsein der völligen Absurdität dessen, was da im Nahen Osten vor sich geht, verlässt einen jedoch auch an solchen schrecklichen Tagen nicht: Wie könne man Israel kritisieren, die "Liquidationspolitik" sei doch nichts als Verteidigung (und das Attentat in Jerusalem der Beweis dafür) - und die reine Diskussion darüber reflektiere eine klar antiisraelische Haltung, wird man am Telefon angeherrscht. Wie könne man von palästinensischen "Angriffen" sprechen, sie seien doch die pure Selbstverteidigung (und die Liquidationspolitik der Beweis dafür) - und die antipalästinensische Einstellung einer Zeitung, in der etwas anderes stehe, sei glasklar, sagt ein Leserbrief. Es ist also nicht nur die Vergeltung für die Vergeltung, sondern auch die Verteidigung gegen die Verteidigung.

Und es geht weiter. Vom physischen Niveau der Gewalt her fiel die Antwort (Vergeltung, Verteidigung) der Regierung Sharon auf das Attentat - so sie schon abgeschlossen ist, woran am Freitag viele Beobachter Zweifel hegten - gemäßigt aus. Politisch ist sie hochbrisant und für die Palästinenser um vieles schmerzhafter als die gleichzeitigen israelischen Angriffe auf - vorher geräumte - palästinensische Gebäude.

Aber in der Natur dieses Konfliktes liegt es, dass alles, was schmerzhaft für den einen, gefährlich für den anderen ist: Zwar zeigte sich Arafat, der am Donnerstag nach dem Attentat in der Welt herumtelefoniert haben soll, um um Hilfe für seine durch die erwarteten Militärschläge gefährdete Autonomiebehörde zu bitten, zunächst etwas verdattert, aber die neue palästinensische Linie, die er nolens volens mittragen wird, zeichnete sich schon ab: Jetzt ist noch ein Intifada-Ziel hinzugekommen, die Befreiung des Orienthauses und all dessen, was man in Ostjerusalem und Abu Dis an politischen Symbolen hatte.

Die Begründung von Außenminister Shimon Peres, als er sich im Kabinett gegen die neuen Maßnahmen aussprach, zeigt, dass er seine Pappenheimer vom Likud kennt: "Wenn wir nicht mit den Palästinensern verhandeln, werden sie in zehn Jahren hier die Mehrheit sein", sagte er laut Ha'aretz. Seine Linie ist klar: Nicht nur in palästinensischem Interesse, auch in israelischem ist es, Jerusalem zu teilen. Offensichtlich hat Peres - wahrscheinlich zu Recht - Angst, dass Sharon auch auf lange Sicht ganz andere Pläne hat. Als Maßnahme zur Bekämpfung des Terrors nimmt jedenfalls auch die israelische Opposition Sharon die Besetzung des Orienthauses nicht ab.

Dass die Verurteilung des Attentats durch Arafat völlig ins Leere geht, hat er sich indes selbst zuzuschreiben: Just am Tag des Attentats wollte er mit Hamas und Djihad Gespräche zur Bildung einer palästinensischen Einheitsregierung führen, wissend - bestimmt nicht im Detail, aber doch im Prinzip -, dass diese ihre nächsten Anschläge planten. Es war ein billiger Versuch, sich an die neue Popularität anzuhängen, die die Islamisten nicht zuletzt den israelischen Mordanschlägen gegen ihre Anführer verdanken. Dass Arafat sie nicht kontrollieren kann, ist eine Sache, packeln musste er mit ihnen deswegen noch lange nicht. Denn dass er sie zum Gewaltverzicht überreden wollte, wird ihm wohl niemand glauben. (DER STANDARD, Print, 11.8.2001)

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