Tausendsassas und Reservisten für alle Fälle

10. August 2001, 20:04
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US-Präsident Bush erlaubt Forschung mit Stammzellen

Präsident Bushs Entscheidung, Forschung mit embryonalen Stammzellen begrenzt zu fördern, ist das Ergebnis einer intensiven öffentlichen Debatte über jene Zellen, die eines Tages praktisch jedes kranke Gewebe ersetzen können sollen.


Washington/Wien - "Ich bin zu dem Schluss gekommen", verkündete US-Präsident George W. Bush in einer Ansprache an die Nation am Donnerstag, "dass wir staatliche Gelder nur für Forschung an bestehenden Stammzelllinien verwenden sollten." Die Begründung für die lang erwartete Entscheidung: "Da ist die Entscheidung über Leben und Tod bereits gefallen."

Damit entscheidet Bush gegen Subventionen für Forschung an Stammzellen, die erst durch Zerstören von Embryonen gewonnen werden. Derlei Experimente bleiben aber legal und werden wohl weiterhin von Stiftungen und Firmen gefördert werden.

Eine heftig geführte öffentliche Debatte um Grundsätze kommt so zu einem neuen Höhepunkt. Im Vorfeld haben sich Kirchen, christliche Gruppen und Prominente gegen die staatliche Förderung der Embryonenforschung ausgesprochen. Die Befürworter führte der querschnittgelähmte Schauspieler Christopher Reeve an, unterstützt von Nancy Reagan, die sich von Stammzellen Linderung oder Heilung für Alzheimerkranke wie ihren Mann, den Expräsidenten Ronald Reagan, erhofft. Beide Positionen fanden sich quer durch die politischen Parteien. Senator Ted Kennedy von den Demokraten lobte Bushs Entscheidung in einer ersten Reaktion als "wichtigen Schritt nach vorn", bedauerte aber gleichzeitig, dass dieser nicht weit genug gehe, um das "lebensrettende Potenzial dieser viel versprechenden neuen Forschungsmethode auszuschöpfen".

Woran liegt das große Interesse von Kranken (in den USA als lautstarke Vereine organisiert) und Forschern? Stammzellen sind für den menschlichen Körper so etwas wie die Reservebank für eine Fußballmannschaft. Sie springen ein, wenn ein Spieler der Grundaufstellung nicht mehr leistungsfähig, eine Zelle nicht mehr gut funktionstüchtig ist. Wie im Fußball, dem weiten Feld der Metaphern, gibt es auch bei den Stammzellen Allrounder und Spezialisten. Manche Spieler (und Reservezellen) überneh- men jede Funktion (zur Not sogar Tormann), andere haben sich schon auf Mittelstürmer (oder Blutzelle) spezialisiert. Embryonale und Nabelschnur-Stammzellen lassen sich in alle erdenklichen Körperzellen spezialisieren. Gelungen ist dies zuletzt u. a. für Inselzellen (zur Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse) und Herzmuskelzellen. Das große Spezialisierungspotenzial erklärt die Hoffnung auf Therapien für Alzheimer, Parkinson & Co. sowie auf (Ersatz-)Gewebe.

Embryonale Stammzellen werden von mehreren Forschungsinstituten in den USA und Israel zum Kauf angeboten. Der Spiegel will sogar einen "regelrechten Versandhandel" mit dem Menschenmaterial beobachtet haben, aus dem die Träume vieler Forscher sind. Die Mehrzeller stammen von In-vitro-Befruchtungen, bei denen mehr Embryonen befruchtet als eingepflanzt wurden, oder werden extra zu Forschungszwecken erzeugt.

Und so funktioniert die Zellspezialisierung: Offenbar erhält eine noch nicht spezialisierte Stammzelle Signale aus ihrem Umfeld, was sie zu werden hat. Diese Befehle, wie sie im menschlichen Körper millionenfach dauernd ergehen, versucht die moderne Medizin zu durchschauen und für ihre Zwecke zu nützen. Bisher ist bekannt, dass die Zelle die Signale über Verbindungen aus Eiweißen und Zucker an ihrer Oberfläche empfängt. "Die sind wie Fernsehantennen, die aus der Zelle heraushängen", illustriert Johannes Huber, Endokrinologe an der Uni Wien, den Mechanismus im STANDARD-Gespräch. Damit bestimmt die Umwelt, wie sich die Zelle spezialisiert. "Wenn man Knochenmark- oder Nabelschnur-Stammzellen im Gehirn positioniert", weiß Huber, "wird aus ihnen ein Neuron, eine Nervenzelle."

Der Vorteil für die Medizin: Stammt die Stammzelle vom künftigen Empfänger der spezialisierten Zelle, sind keine Abstoßungsprobleme wie bei Spenderorganen zu erwarten. Auch Operationen können dann wohl vielfach vermieden werden; denn erste Anzeichen deuten darauf hin, dass Stammzellen den Einsatzort selbstständig aufsuchen, also nur injiziert werden müssen. "Mit den embryonalen Stammzellen kann man Fragen beantworten, die man wahrscheinlich mit den adulten nicht beantworten kann", sagt Stammzellforscher Huber. "Vom therapeutischen Nutzen her, den man schon morgen haben kann, ist wahrscheinlich die Nabelschnur interessanter."

Diskussionen für und gegen embryonale Stammzellen sind nicht zuletzt auch vom jeweiligen kulturellen und historischen Hintergrund bestimmt. In Deutschland führen sie regelmäßig zu Hinweisen auf die NS-Zeit mit ihren Menschenversuchen. "Es muss ausgeschlossen bleiben", sagt etwa Oliver Brüstle von der Uni Bonn, ein Vorreiter der Stammzellforschung, "dass Embryonen für Forschungszwecke hergestellt werden. Wir müssen da scharfe gesetzliche Grenzen ziehen."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11./12. 8. 2001)

Von
Roland Schönbauer

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