Vokal belebte Verdi-Kreuzung

10. August 2001, 20:24
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Zum dritten Mal brachten die Salzburger Festspiele Verdis "Don Carlo" in der Version von Herbert Wernicke ins große Festspielhaus

Die Dürftigkeit der Inszenierung wurde zur Kenntnis genommen - die vokalen Qualitäten wurden hingegen zu Recht ausgiebig bejubelt.
Salzburg - Dieses kostümierte Konzert darf nicht in den Opernhades! Ein paar der gipsartigen Säulen weniger - und problemlos wäre diese Don Carlo-Produktion vom großen Festspielhaus in die Wiener Staatsoper zu transferieren, sollte Ioan Holender wieder einmal einen Verdi-Monat ansetzen. Besonders der szenische Duktus des Konzertes würde sich in die Wiener Repertoire-Alltagsästhetik bereichernd einfügen.

Ob er in die so genannte neue Salzburger Dramaturgie passt, ist schwer zu sagen. Wenn es eine solche gibt, und wenn sie als maximale Distanz vom Opernalltag verstanden wird, dann darf diese Inszenierung als Mahnmal für vergebliches Bemühen in Salzburg bleiben. Sie vermittelt eine resignative Form des Konzessionismus, der heuer in Salzburg (abgesehen von Marthalers Figaro) ruhestiftend waltet. Hoffentlich nur, um bei den letzten beiden Premieren (Ariadne, Fledermaus) begraben zu werden.

Behäbige Version

Schon jetzt darf allerdings festgestellt werden, dass diese behäbige Herbert-Wernicke-Version nun zum dritten Mal zu sehen ist, während Helmut Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern und Matthias Pintschers Heliogabal aus dem heurigen Programm gekippt wurden. Waren Spar-und Einnahmenzwänge Väter des Wiederaufnahmegedankens, dann fehlte auch hier die Konsequenz: Diese Inszenierung ist prädestiniert für eine schmucklose, konzertante Aufführung. Sicher, die vielen Säulen haben den Vorteil, den zerknirschten Seelen mit all ihren Zwängen und Obsessionen Halt zu bieten. Sogar Neil Shicoff, ein Meister der Charakterzeichnung, macht hier als von Fieberwahn geplagter Don Carlo ausgiebig Gebrauch von der Möglichkeit, sich anzulehnen. Selbst er wirkt jedoch eigenartig verloren in diesem großen Raum, der sich auch dort nicht reduziert, wo sich ein Kammerspiel ereignet. Und verpufft das individuelle Seelenporträt so im Monumentalen, wirken auch die Massenszenen eigenartig beiläufig.

Regie ist hier quasi jene Verkehrspolizei, die an einer belebten Verdi-Kreuzung für unfallfreies Abschnurren des routinierten Kommens und Gehens sorgt. Schließt man die Augen, ist man allerdings ohne Ablenkung Zeuge eines vokalen Glanzabends. Man erlebt den geplagten Don Carlo, dem Shicoff robuste und eindringliche Töne verleiht. Thomas Hampson (als Posa) ist Shicoff ein großer Bruder, der sich auf das Naiv-Heldische konzentriert und im Stimmlichen nahezu problemlos (zum Schluss hin etwas Kraftprobleme) durchdringendes Belcanto liefert.

Ferruccio Furlanettos Seelenstudie (als Philipp II) macht ein exzellentes Sängertrio komplett, pendelt zwischen Machtbrutalität und innerer Aushöhlung durch Herrschaftszwänge. Bei den Damen - Yvonne Naef als Eboli und Marina Mescheriakova als Elisabetta - spürt man hingegen Grenzen. Besonders, wenn Verdi dramatische Exaltation in hohe Register verlegt. Nicht besonders beeindruckend diesmal auch Anatoli Kotscherga als Großinquisitor.

Das wahre szenische Drama spielte sich diesmal im Orchestergraben ab. Ein kompensatorischer Effekt: Lorin Maazel, endlich wieder einmal frei von nur virtuoser Routine, zeichnet mit den Philharmonikern eine facettenreiche Seelenlandschaft zwischen Melancholie und verzweifeltem Aufbegehren.

Wie kürzlich bei Falstaff fordert er jedoch von den Bläsern einen Dynamik, welche die Sänger, wenn schon nicht von der Bühne fegt, so doch mitunter unhörbar macht. Wer begleitet hier wen - das war hier die Frage. War zuweilen ein Verdi, der wehtat. Die Ohrenschmerzen haben sich indes ausgezahlt.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, Wochenendausgabe 11/12. 8. 2001)

Ljubisa Tosic

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