Politik und andere Symbole

11. August 2001, 18:14
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Intellektuelle dachten über die "VolxTheaterKarawane" nach

Wien - Was immer die italienische Justizverwaltung am Montag über die in Genua Inhaftierten befinden mag: Längst ist das Wirken der "VolxTheaterKarawane" jener illuminierten Sphäre einer angeblichen Zweckfreiheit enthoben, in welcher Kunstsinnige, mit nichts anderem als dem Ballast ihrer Bildung beschwert, über den Status "öffentlicher" Betätigung schöngeistig nachsinnen.

Schauspielhausintendant Airan Berg hielt die Pforten des Wiener Schauspielhauses weit geöffnet, um einer Runde von mehr oder minder Betroffenen einen Platz zur öffentlichen Besinnung einzuräumen. Denn was hat es auf sich mit der Tradition eines "öffentlichen" Theaterbegriffes, der die Agenda der Kunst auf die Straße bringt, damit sie dort von so genannten "Ordnungshütern" unbedenklich aufgelesen werden können?

Wer überträgt die künstlerischen Formen öffentlichen Protests in das Schuldbuch eines Generalverdachts, der die Sphäre der Meinungsfreiheit verseucht und alle möglichen "Aktionsformen" von vornherein kriminalisiert?
Autorin Marlene Streeruwitz beklagte in ihrer Wortmeldung erbittert das Schweigen der großen heimischen Theaterinstitutionen. Sie verwies überdies auf die Plakatkampagne der letzten "Festwochen", als ein "uninteressantes" Programm mit "Widerstand behübscht" worden sei, und stellte, direkt ins Herz der Finsternis zielend, die "Frage nach politischer Theatralität".
Während der Philosoph Oliver Marchart (siehe oben) sich mit Begriffsunterscheidungen abmühte und Regisseurin Eva Brenner nebst einigen theaterhistorischen Anmerkungen über das kompromittierende Knacksen in privaten Telefonleitungen nachsann, hielt IG-Autoren-Sprecher Gerhard Ruiss mit seiner Besorgnis nicht hinter dem Berg: "So, wie wir hier sitzen, sitzen wir alle, die wir zum Mindesten künstlerisch verhaltensauffällig werden, nur noch auf Abruf da!"
Auch wenn die Frage, ob das Aktenanlegen im Innenministerium an den Ostblock erinnere, nicht wirklich geklärt wurde: Der Schock sitzt abgrundtief. Alle Theaterformen, deren Widersetzlichkeit auf der Inbesitznahme von Öffentlichkeit beruht, scheinen vorderhand, in den Augen einer nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit, diskreditiert. Eine begriffliche SisyphosArbeit wird auf Jahre hin zu leisten sein. (poh - DER STANDARD, Print-Ausgabe, Wochenendausgabe 11/12. 8. 2001)

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