Ein Augenblick in der PC-Evolution

13. August 2001, 12:32
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Der Personal Computer feiert 20-jähriges Jubiläum

Auch ohne den "IBM Personal Computer", der am 12. August 1981 auf den Markt kam, würden wir heute im digitalen Zeitalter leben. Dennoch war der PC ein Meilenstein in der Entstehung einer Gattung, vergleichbar mit dem Ford "Model T" in der Autogeschichte.

Seit Darwin glaubst du, dass immer das Bessere das Schwächere verdrängt. Aber interessant: Computerevolution ganz anders. Wie die Geschichte des PC zeigt, ist es mehr eine Frage von größer versus kleiner. Und schon schwindeln sich ein paar defekte Gene in den Bauplan, quasi Erbsünde, die Jahrzehnte lang mitgeschleppt werden.

So ein Fall ist die Geschichte des IBM Personal Computer, der vor 20 Jahren gewissermaßen Antike und Mittelalter der Computerei beendete. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits eine ganze Reihe erfolgreicher und teils besserer Exemplare von Microcomputern (so genannt, weil sie kleiner als Minicomputer waren, die wiederum kleiner waren als "Mainframes"): Da war der Apple II, der Grafiken und Töne erzeugen konnte, Farbbildschirm und Festplatte hatte, während der IBM PC stumm und monochrom und nur mit Diskettenlaufwert ausgestattet war. Seit 1975 gab es den MITS Altair 8800 mit Software zweier Teenager namens Bill Gates und Paul Allen. Es gab den Sinclair ZX-80, den VIC- 20 von Commodore und den Tandy TRS-80.

Maus und graphische Benutzeroberfläche 1973

Ohnehin hätte die "PC-Revolution" schon viel früher losgehen können. Bei DEC (der Minicomputer-Hersteller Digital Equipment Corporation, der vor einigen Jahren von dem 1982 geborenen Revolutionskind Compaq geschluckt wurde) bauten Ingenieure das DEC Datacenter, einen Computer in einem Schreibtisch. Am fortschrittlichsten dachte das Xerox Labor in Palo Alto: 1973 präsentierte es den Alto mit grafischer Benutzeroberfläche und Maus. Aber Xerox, durch sein Kopierermonopol reich und gesättigt, war nicht interessiert - elf Jahre später wurde der Macintosh mit dem Konzept ein Knüller, weitere elf Jahre später verwandelte Windows 95 für immer den Umgang mit PCs.

Das Original, ein Klon

Auch IBM, das seine Milliarden mit einem Quasi-Monopol bei Großcomputern und Schreibmaschinen machte, war in den 70ern kaum an diesen Spielereien interessiert. Bis man in den Vorstands_etagen entdeckte, dass die kleinen Computer bessere Schreibmaschinen und, dank der ersten Tabellenkalkulation VisiCalc, bessere Rechner waren. In einer Geheimaktion wurde 1980 das Projekt PC gestartet. Der Zeitdruck nötigte IBM, auf Bausteine anderer Hersteller zurückzugreifen, Basis des Erfolgs und späteren Niedergangs, da "IBM-kompatible" Klone rasch besser und billiger als das Original wurden. Intel lieferte den Prozessor, den 8088. Ohne diesen Auftrag, bemerkte Intels Andy Grove später, hätte der Chiphersteller niemals seine dominante Stellung erreichen können. Ein Betriebssystem musste her, und da Digital Research sein populäres CP/M nicht schnell genug anpassen konnte oder wollte, erhielt Bill Gates den Zuschlag. Dieser kaufte seinerseits von einem Dritten und bastelte daraus MS-DOS, das die knausrige IBM nur lizensierte - der Rest ist (Kartell-)Geschichte. Microsoft belieferte nicht nur IBM, sondern auch alle ihre Konkurrenten.

Big Blue bleibt ein Meilenstein

Der IBM PC bleibt dennoch ein Meilenstein: Er schuf Bauplan und Begriff für eine Industrie, die als ein Haufen Garagenrebellen begann. Die Offenheit des Systems, für das Tausende Entwickler tätig wurden, war zugleich Wachstumshormon und genetischer Defekt. Bis heute trägt Windows 95/98 Probleme des schnell hingeschusterten DOS in sich. Die große Herstellerschar bedeutet weiterhin Kompatibilitätsprobleme.

IBM muss jedenfalls nicht traurig sein, heute nur einer von vielen PC-Herstellern zu sein. Gemessen am Umsatz ist Big Blue weiterhin der größte IT-Konzern der Welt. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe, 11. August 2001)

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