Anarchist aus den Bergen

11. August 2001, 13:34
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Werner Preisegott Pirchner 1940-2001 - Der Tiroler Komponist erlag einer Krebserkrankung

Innsbruck - Werner Pirchner selbst war am allermeisten amüsiert: 21 Jahre, nachdem seine LP Ein halbes Doppelalbum, eine bitterböse, musikkabarettistische Abrechnung mit dem konservativ-katholisch geprägten Milieu seiner Tiroler Heimat, mit Rundfunkverbot geadelt worden war, erhielt er den offiziellen Auftrag zur Gestaltung der offiziellen Ö1-Signations.

Eine österreichische Ironie, wie sie Pirchner gerade recht gekommen sein muss: Die Anfänge des 1940 in Hall in Tirol geborenen Musikers lagen im Jazz; der Exzentriker hinterließ seiner Mutter übrigens einen "Abschiedszettel" mit der Aufschrift: "Ich bin Musiker!".

Pirchner zog als autodidaktisch ausgebildeter Bar-Pianist durch die Lande, als Vibraphonist machte er im Quartett Oscar Kleins erste Aufnahmen. In den 70-ern und 80-er Jahren gelang Pirchner an der Instrumentalisten-Front im vielgerühmten "Jazz-Zwio" mit Hary Pepl der internationale Durchbruch. In diesen Jahren um 1980, als er auch kurze Zeit Mitglied des Vienna Art Orchestra war, fiel allerdings auch die endgültige Umorientierung zum ernstzunehmenden Tonsetzer, nachdem er "bis zu meinem 41. Lebensjahr aus Respekt vor den größten Meistern es nicht gewagt hatte, auch nur einen Ton für ein klassischen Konzert zu schrieben."

Obwohl er bereits 1967 ein Stück mit dem überaus viel-sagenden Titel brechreiz für großes orchester fabriziert hatte, dem 1974 ein Streichquartett für Bläserquintett gefolgt war. Auch als Komponist saß Pircher der Schalk des "höheren Nonsens" im Nacken, und er begann, seiner Aversion gegen die engen Sicht- und Denk-Horizonte (nicht nur) seiner Heimat mit einer virtuosen, extrem "musikantischen" Poly-Stilistik zu begegnen. Und so kam es, dass viele Pirchner'sche Hervorbringungen unter die Rubrik der "Gebrauchskunst" fielen, was ihrer sanften Widersetzlichkeit natürlich Unrecht tut.

Oder wer wollte vergessen, dass der modernste Akzent des bis heute unsäglichen Jedermann in Salzburg ausgerechnet die markerschütternden Blech-Fanfaren dieses ausgepichten Musikers waren? Oder das die eine oder andere seiner Collagen dem großen, alten Frank Zappa Ehre eingelegt hätten?

Am Freitag starb Werner Pirchner, den sie "Preisegott" nannten, im Alter vorn 61 Jahren in Innsbruck an einem Krebsleiden. (felb, poh - DER STANDARD, Print-Ausgabe, Wochenendausgabe 11/12. 8. 2001)

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