Schweizer Privat-TV in der Krise

10. August 2001, 16:30
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Tele 24 und TeleZüri entlassen bis zu 80 Mitarbeiter - Übernahme-Gerüchte kursieren

In der Schweizer Medienszene kommt es zu einem massiven Stellenabbau. Davon betroffen sind in erster Linie die 182 Mitarbeitenden von Tele24/Tele Züri, begrenzt auch die Angestellten bei Belcom, Radio24 und Radio24plus. Insgesamt werden bei der von Roger Schawinski geleiteten Belcom-Gruppe 55 bis 80 Vollstellen gestrichen.

Entlassungen "im Sinne einer Opfersymetrie"

Wer gehen muss, soll bis Ende August bekannt werden, wie die Belcom-Gruppe am Freitag mitteilte. Gekündigt werde vor allem Mitarbeitenden der Fernsehstationen. Um den Schlag für sie etwas geringer zu halten, werde es "im Sinne einer Opfersymetrie" auch beim Radio und bei Belcom zu einigen wenigen Entlassungen kommen, erklärte Roger Schawinski gegenüber Radio24.

Ebenfalls bis dann wolle die Geschäftsleitung entscheiden, wie der künftige Sendebetrieb von Tele24 und Tele Züri aussieht. Zur Debatte stehen Varianten wie "Tele24 light" oder nur Tele Züri, sagte ein Videojournalist (VJ) gegenüber der Nachrichtenagentur sda. "Von Schliessung kann keine Rede sein", hielt Schawinski fest.

Massiver Rückgang der Werbeeinnahmen

"Nach der heutigen Orientierung bin ich mir zum ersten Mal nicht mehr sicher, ob der Name Tele24 überleben wird", sagte der VJ. Der Publikumserfolg allein garantiere den Erfolg halt nicht, die Werbeeinnahmen müssten stimmen.

Belcom begründet den Stellenabbau mit dem massiven Rückgang der Werbeeinnahmen und den "völlig unbefriedigenden" Rahmenbedingungen für Privatfernsehen in der Schweiz. Privatveranstalter würden gegenüber der SRG und ausländischen Werbefenstern benachteiligt. Der Bundesrat sei überhaupt nicht an Schweizer Privatfernsehen interessiert, klagte Schawinski.

Die konjunkturell schlechte Situation treffe die Belcom-Gruppe besonders, sagte Schawinski. Deshalb sei Belcom gezwungen, seine Kosten massiv zu reduzieren. Im Mai klagte Schawinski, Tele24 fahre jährlich acht Millionen Defizit ein.

Neugestaltung der Besitzverhältnisse

Erfolgen soll dies nicht nur durch den Stellenabbau, sondern auch durch eine Neugestaltung der Besitzverhältnisse der Belcom-Gruppe. Im Vordergrund stehe dabei die Suche nach Synergie-Effekten innerhalb eines größeren Medienunternehmens. Über laufende Gespräche wollte aus der Gruppe niemand Stellung nehmen.

TAmedia-Sprecher Peter Hartmeier bestätigte auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda, es "fänden Gespräche über eine Übernahme von Teilen der Belcom-Gruppe statt". Ob es dabei nur um die Radiosender geht, konnte er nicht sagen. Die Gesprächspartner erklärten am Freitag beide, sie hofften bald über erste Resultate informieren zu können. Hartmeier hielt aber auch fest, dass die Gespräche immer noch scheitern könnten.

Eine erste Verhandlungsrunde zwischen dem Zürcher Medienunternehmen, zu dem der ebenfalls defizitäre Fernsehsender TV3 gehört, und der Belcom-Gruppe war im April 2001 gescheitert. TAmedia sei nur an Radio24 interessiert, hieß es damals. Schawinski jedoch hätte nur über die ganze Gruppe verhandeln wollen. (APA/sda)

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