Internationale Kommentare zum Anschlag in Jerusalem

10. August 2001, 10:58
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London/Paris/Moskau/Mailand - Der jüngste Selbstmordanschlag in Jerusalem war am Freitag Gegenstand zahlreicher Kommentare in der internationalen Presse.

Die liberale britische Zeitung "The Guardian" (London) meinte:

"Für die westliche Welt muss dieses Schockerlebnis endlich die konzertierte Aktion zu Stande bringen, die bisher so schmerzlich vermisst wurde. Es ist an der Zeit, internationale Beobachter zu entsenden. Es ist an der Zeit, angedrohten Handelssanktionen Nachdruck zu verleihen, wenn Israel sich ziert. Es ist an der Zeit, Arafat klarzumachen, dass die EU-Gelder nicht mehr fließen werden, wenn die Intifada nicht endet. Und genauso wichtig ist es, George Bush zu informieren, dass die USA sich jetzt entscheiden müssen, ob sie im Nahen Osten vermitteln wollen oder nicht.

Wenn sie es wollen, dann muss dies wesentlich ausgewogener geschehen, als es bisher der Fall war. Bush könnte damit beginnen, Arafat nach Washington einzuladen, um den Waffenstillstand zu erneuern und einen neuen Verhandlungsplan auf der Basis der Mitchell-Vorschläge auszuarbeiten. Und er muss Sharon deutlich machen, dass ein militärischer Vergeltungsschlag, der nur eskalierende Wirkung haben würde, nicht toleriert wird und nur zu Israels internationaler Isolierung führen würde."

Die britische Boulevardzeitung "The Sun" hält Kritik an Israel für ungerechtfertigt:

"Man kann sich schwer etwas Schrecklicheres vorstellen als einen Selbstmordbomber, der ein Restaurant voll mit Familien ins Visier nimmt. Es ist unvermeidlich, dass die Israelis zurückschlagen. Das arme Israel muss diese furchtbaren Anschläge beinahe wöchentlich erdulden. Es ist die einzige Demokratie in einem Teil der Welt, der sonst von Despoten beherrscht wird. Diejenigen, die Israel kritisieren, verstehen weder seine Geschichte noch seine Bedeutung für den Westen - besonders für die Vereinigten Staaten."

Die konservative Tageszeitung "Le Figaro" kommentiert:

"Ariel Sharon handelt so, als wolle er seinen strategischen Fehler der Invasion des Libanon 1982 wiederholen. Damals musste Yasser Arafat, der bereits 1970 aus Jordanien gejagt wurde, nach Tunesien ins Exil gehen. Doch die erste Intifada hat sehr bald gezeigt, dass dieser Umzug nur ein Zwischenspiel war. Die politischen Führer der Palästinenser denken heute wieder daran, in den Untergrund abzutauchen. Selbst wenn sie angesichts der militärischen Übermacht der Israelis nur darauf hoffen können, dass das Match unentschieden ausgeht. Kriege enden irgendwann. Es sind die Blutrachen, die ewig fortgesetzt werden."

Die russische Tageszeitung "Iswestija" schreibt:

"Dieses Mal fällt die Antwort Israels härter als je zuvor aus. Geschieht dies nicht, würde der Zorn der Bevölkerung selbst die rechte und militarisierte Sharon-Regierung hinwegfegen. Beginnen die Kriegshandlungen, wird man die Existenz von Autonomiegebieten der Palästinenser auf lange Zeit vergessen können. Sharons Logik ist einfach: Wenn (Palästinenserpräsident) Arafat seine Verpflichtungen nicht erfüllen kann oder will, sieht sich Israel gezwungen, die Sicherheit im Land auf eigene Art und Weise wiederherzustellen."

Die bürgerliche italienische Zeitung "Corriere della Sera" meint:

"Die Kamikaze-Kämpfer des islamischen Jihad werden geboren und angeworben in den Flüchtlingslagern der Territorien. Es sind junge, oft verzweifelte Menschen, Opfer oder Zeugen von Gewalt, erzogen in den Schulen des Hasses. Für sie gehören die Israelis ausgerottet, der jüdische Staat vom Gesicht der Erde ausgelöscht. Es gibt nichts Halbes, es existieren keine Kompromisse. Es gibt nur den totalen Kampf gegen die "Zionisten".

Die konservative Turiner "La Stampa" spricht von einem "tragischen Land"

"Israel ist ein Land wie andere und gleichzeitig verschieden. Es ist eine wahre Demokratie, gehört zur Avantgarde im High-Tech- Bereich und ist trotzdem ein tragisches Land. Die Schlüsselfrage hat es noch nicht gelöst: "Staat Israel" oder "Jüdischer Staat". Der Staat Israel ist modern, offen, integriert in eine internationale Gemeinschaft, der er viel gegeben hat. Mit den Verträgen von Oslo schien dieser Kulturkampf dazu zu führen, dass die "Israelis" überwiegen. (...) Aber der Blitz des religiösen Fundamentalismus machte aus Rabin Asche und versetzte den jungen Frieden in einen Todeskampf." (APA/dpa)

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