Steter Tropfen und Alltagsschikane

9. August 2001, 22:34
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Rollstuhlfahrerin kämpft im Verkehr um Selbstverständlichkeiten

Wien - Es gibt Leute, die halten Dorothea Brozek für aufsässig. Querulantisch, nörglerisch, undankbar. Dabei hat Dorothea Brozek ein simples Begehr: Sie will ein Beförderungsfall sein. Einer, der nicht weiter auffällt. So wie Millionen von anderen Fahrgästen eben, die tagein, tagaus die Dienste der Wiener Linien in Anspruch nehmen. Immerhin, so betont Dorothea Brozek, sei das Recht auf Nichtdiskriminierung ein wesentlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Wertekanons. Bei Bedarf kann die Sexualpädagogin auch Paragraphen aufzählen und zitieren.

Wer so etwas tut, ist ein Querulant. Egal ob Rollstuhlfahrerin oder nicht. Denn Dorothea Brozek sitzt im Rollstuhl. Und eigentlich, lobt sie die Wiener Linien, "machen die eine ganze Menge, um Diskriminierungen zu verhindern oder zu reduzieren". Nicht nur beim aktuellen U-Bahn-Bau, bei der Lift-Nachrüstung in vielen Stationen oder beim Kauf von ULF-Straßenbahnen.

"Fahrbefehl 481"

Auch bei der Busflotte hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Da gibt es zum Beispiel den "Fahrbefehl 481". Den, meint Frau Brozek, kennt jeder Rollstuhlfahrer in Wien mittlerweile ebenso gut wie die meisten Buslenker. Denn Befehl 481 besagt, dass ein Lenker den Bus in die Knie gehen lassen und eine ausklappbare Rampe händisch ausfahren muss, wenn ein Rollstuhlfahrer an der Station wartet.

"Der Fahrbefehl wird von vielen Fahrern ignoriert", weiß Brozek aber. Nicht nur aus eigener Erfahrung, auch aus Berichten anderer Behinderter. Einschlägige Fahrgasthinweise würden oft mit "die Rampe ist kaputt" (es handelt sich um eine simple, eigentlich unzerstörbare Metallklappe mit Scharnier), "ich hab den Schlüssel nicht mit" oder - bei Insistieren - mit Beschimpfungen beantwortet. Beliebt, so Brozek, sei es auch, die Klappe aus gut einem Meter Höhe loszulassen: Der so aufgewirbelte Staub rund um den Kopf des Behinderten "sagt auch einiges aus". Den Wiener Linien, betont die Rollstuhlfahrerin, ist das jedes Mal sehr unangenehm: "Die entschuldigen sich immer sehr höflich. Und das Managment kann ja nichts dafür, wenn ein paar Fahrer so sind."

Langsames Umdenken

Mittlerweile, so die streitbare Rollstuhlfahrerin, ist aber auch bei manchem Fahrer ein Umdenken zu bemerken: Immer seltener müsse sie Staub schlucken. "Das zeigt, dass es durchaus Sinn macht, sich nicht alles gefallen zu lassen. Auch wenn es mühsam ist."

Enttäuschungen im Kampf um hilfreiche Stellungnahmen wird Dorothea Brozek dennoch weiterhin gewohnt bleiben. Aus dem Büro des Bundespräsidenten etwa - auch dem hat die Rollstuhlfahrerin wegen zahlreicher Alltagsschikanen schon geschrieben - kam bisher nie eine eindeutige Aussage, dass die Erfüllung des Wunsches, nicht diskriminiert zu werden, kein Gnadenakt, sonden ein Rechtsanspruch sei. "Außer freundlichen Allgemeinplätzen ist von den höchsten Repräsentanten des Landes wenig zu bekommen", bedauert Brozek. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Print-Ausgabe 10.August 2001)

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