"Klimamaschine Gras"

14. August 2001, 17:22
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Geologe sieht Erwärmung und Abkühlung vom Leben gemacht

Eugene/Wien - "Das Aufkommen und die Ausbreitung von Gras hat die globale Abkühlung der letzten 40 Millionen Jahre verursacht", erklärt Geologe Gregory Retallack (University of Oregon, Eugene): "Grasländer bzw. ihre Böden sind Klimamaschinen."

Mit diesem Befund stützt Retallack eine Hypothese, die er schon lange verficht: Das Leben steuert das Klima. Bei der Forschermehrheit gilt die umgekehrte Sicht, derzufolge sich das Leben an Bedingungen anpassen muss, die von geologischen Faktoren bestimmt werden, vor allem von Vulkanen und verwitterndem Gestein: Erstere stoßen das Treibhausgas CO2 aus, Letzteres nimmt es auf. Je nachdem, was gerade überwiegt, folgen Warm- oder Kaltzeiten.

Aber nicht nur der Steinbrocken Erde "atmet" CO2: Pflanzen nehmen es auf, Tiere geben es ab. Ihre ersten "Atemzüge" zeigten sich vor etwa 500 Millionen Jahren, als das Leben in eine enorme Breite ging ("kambrische Explosion"): Tausendfüßler hatten den frühen Erdboden zersetzt und die Atmosphäre mit einem 20-mal höheren CO2-Gehalt als heute angereichert. Aber das Treibhaus hielt nicht lange, dann sanken über 200 Millionen Jahre die CO2-Gehalte und mit ihnen die Temperaturen. Das lag für Retallack am Aufkommen neuer Pflanzen - vor allem der Bäume -, die mit Lignin gestärkt waren, das keines der damaligen Tiere verwerten konnte.

Saurier gegen Lignin

Die Pflanzen zogen das CO2 aus der Atmosphäre und lagerten den Kohlenstoff ein, zunächst in sich selbst, dann in die Sedimente. Vor 300 Millionen Jahren drehten sich CO2- und Temperaturtendenz wieder um: Die Tierwelt hatte Termiten und Dinosaurier entwickelt, die Lignin zersetzen konnten und die Wälder dezimierten. Bis vor 65 Millionen Jahren: Die Saurier verschwanden, die Pflanzen gewannen wieder die Oberhand im Klimaspiel.

Diesmal kam das Gras, das zunächst einmal mehr Sonnenlicht reflektiert als Wald und dadurch kühlt. Zudem kann Gras selbst zwar nicht viel CO2 binden, aber so viel in seine Böden einlagern, dass es in Summe mehr speichern kann als Wald. Wie früher die Bäume war zunächst auch das Gras eine ungewohnte Speise für die Tiere. Aber als sich Spezialisten mit harten Zähnen und scharfen Hufen entwickelt hatten, verschärften diese den Abkühlungstrend: Zum einen hielten sie den Graskonkurrenten Wald nieder, und zum anderen erhöhten sie durch ihr Aufscharren der Grasnarbe die Erosion und Sedimentation des kohlenstoffgesättigten Erdreichs.

So wurde es kälter und kälter, bis zu den Eiszeiten, die man bisher wieder geologischen Phänomenen zugerechnet hat, dem Aufsteigen des Himalaya etwa. Auch diese Hypothese dreht Retallack um: Erst durch die Kälte und das Herabgedrücktwerden der vergletschernden Täler hätten sich im Gegenzug die Gipfel gehoben. (Details: Journal of Geology, Vol. 109, S. 407)

(Jürgen Langenbach, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.08.2001)

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