Piccadilly Circus ist am Westbahnhof

9. August 2001, 20:03
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"Eine Stadt ohne Werbung, ist eine tote Stadt" - Stadtplaner sind da anderer Meinung ...

Hoch, leuchtend, schrill - Werbefachleute müssen ideenreich sein, um bei potenziellen Kunden die gewünschte Aufmerksamkeit für ein Produkt herzustellen. Das gilt insbesondere auch für Werbung, die mitten ins Stadtbild von Wien "gepflanzt" wird - als Riesenplakat im Wiental, als blinkende Leuchttafel à la Piccadilly Circus am Westbahnhof, oder als Megaboard - dieses blitzt vom Dach des News-Tower am Donaukanal in Anraineraugen.

Genau hier abzuwägen, "ob durch Werbung das Stadtbild gestört wird", ist Aufgabe von Robert Kniefacz vom Referat für architektonische Begutachtung der MA19. Kniefacz vermerkt Mehrbedarf für Stadtwerbung: Es entstehe eine Art Wettbewerb, weil sich die einzelnen Werbeformen noch deutlicher voneinander abheben müssten - also noch höher, leuchtender, schriller. Ideen dazu gibt es viele. So ist bei Kniefacz und Referatsleiter Rainer Schimka bereits jemand vorstellig geworden, der ganze Hochhäuser mit einer Werbefolie überziehen möchte. Das würde beispielsweise "die Twin Towers in eine überdimensionale Colaflasche" verwandeln, skizziert Kniefacz ein Beispiel. Und auch hier gilt es abzuwägen: "Trends in der Stadtwerbung wollen wir uns sicher nicht verweigern."

Ohne Kniefacz' Sanktus sollte es keine übergroßen Werbetafeln in Wien geben. Sollte es. Denn nicht alles was zu diesem Zweck in Wien aufgestellt und montiert wird, ist über seinen Schreibtisch zur Begutachtung gegangen.

Die Konsequenz: In der MA37, der Baupolizei, werden immer wieder Plakatwände registriert, die nie bewilligt wurden. Das Problem: Es scheint sich für Werber auszuzahlen, verschiedenste Plakate und Leuchtschriften irgendwo zu montieren, da das nötige Verfahren, bis ein Plakat entfernt werden muss, "bis zu zwei Jahre dauern kann." So wird im MA19-Kriterienkatalog, der soeben für die Begutachtung erstellt wurde, angemerkt: Die Errichtung solcher Werbung "amortisiert sich dagegen innerhalb von 1,5 Jahren".

Ein weiteres Problem: Die Bauordnung lässt einen Spielraum zu, innerhalb dessen die werbenden Unternehmen selbst einzuschätzen haben, ob ihr Sujet das Stadtbild in Ästhetik und Architektur beeinträchtigt und genehmigungspflichtig ist. "Hier gibt es oft große Auffassungsunterschiede," räumt Markus Schuster, Marketingleiter der Schuster Heimatwerbung ein. Er steht als Werber oft vor der Situation, dass er ein originelles Sujet für seine Kunden vor den begutachtenden Augen der MA19 rechtfertigen muss. Sein Eindruck: "Wien ist nicht besonders aufgeschlossen", was Werbung in der Stadt anlangt. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD; Print-Ausgabe, 10. August 2001)

Eine Stadt ohne Werbung, ist eine tote Stadt - sagen Werbefachleute mit immer originelleren Ideen. Zuviel Werbung stört aber das architektonische Erscheinungsbild - sagen Stadtplaner. Der Kompromiss in dieser Debatte ist in Wiener Ansichten zu beobachten.
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