Erradelte Mauerreste

13. August 2001, 16:38
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Die Berliner Grünen bieten zum Jubiläum des Mauerbaus eine alternative Form des Fahrradtourismus: Bei den "Mauerstreifzügen" kann man noch einmal die jüngste Geschichte Deutschlands an sich vorbeiziehen lassen.


"Man hat das Gefühl, die Mauer war nie da", wunderte sich Barbara Neuroth. "Irgendwie ist das erschreckend, wie schnell das geht. Wie nach zehn Jahren das Bewusstsein schon weg ist. Immerhin hat die Mauer 30 Jahre lang diese Stadt beherrscht."

"Diese Stadt" ist natürlich Berlin, wo am 13. August des Mauerbaus vor 40 Jahren gedacht wird. Barbara Neuroth war schon im Vorfeld dort und erkundete die Reste, die jetzt noch zu sehen sind - im Rahmen einer der von den Berliner Grünen organisierten Mauer-Radtouren. Einen Nachmittag lang war sie unterwegs, radelte mit Michael Cramer, dem stellvertretenden grünen Fraktionsvorsitzenden im Abgeordnetenhaus vom Potzdamer Platz in Richtung Kreuzberg. "Am Anfang weiß man gar nicht genau, wonach man eigentlich suchen soll", erinnert sich Neuroth. "Theoretisch sollte sich eingelegter Pflasterstreifen durch die Stadt ziehen, wo Mauer war. Aber der ist noch nicht durchgängig."

Nachhaltige Erinnerungsreste

Dann aber doch noch nachhaltige Erinnerungsreste: allen voran die "East Side Gallery" - mit ihren rund 160 Graffitis, die von Künstlern aus aller Welt gestaltet wurden. "Wie da der Trabi durch die Mauer fährt oder die Menschenströme durch sie durch marschieren - das ist toll aufbereitet", schwärmt Neuroth.

"Heute wird parteiübergreifend eingestanden, dass es ein Fehler war, fast alle Spuren von Todesstreifen und Betonwall zu beseitigen", berichtet Michael Cramer. Wenngleich die Schneise, die dieses Bauwerk durch die Stadt schlug, weitgehend noch deutlich sichtbar ist - zum Teil weitab von der pulsierenden Innenstadt, in einer landschaftlich reizvollen und ruhigen Landidylle. Inmitten der Vegetation, die sich gerade hier, im Todesstreifen, entwickeln konnte.

Kilometerlanger Grenzstreifen

Das Wenige von der Mauer, das noch besichtigt werden kann, sei jedenfalls am besten zu erradeln: "Um den 160 Kilometer langen Grenzstreifen um Westberlin herum optimal erschließen zu können, sind Fahrräder - aber auch Inlineskates - geeignete Verkehrsmittel." Doch immer noch fehlen eine komplette Beschilderung, ein durchwegs gut befahrbarer Straßenbelag oder Radverleihstellen. "Aber schon in seinem heutigen Zustand ist der Mauerweg eine reizvolle Kombination von Geschichtswerkstatt und Fahrradtourismus, von Freizeit und Kultur", betont Cramer. (AUTOMOBIL, 10. 8. 2001)

Von Roman Freihsl

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HINTERGRUND

derStandard.at/ politik mit den Facts & Figures zum Gedenktag

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