Mazedonien: Wenn die Vernunft Pause macht - von Gerhard Plott

9. August 2001, 19:32
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Die Friedensbemühungen in Mazedonien geraten zu einer Farce

Lange Zeit haben die mazedonischen Politiker aneinander vorbeigeredet. Albanisch-stämmige und slawische Mazedonier erfüllten zwar brav westliche Bedingungen und setzten sich an einen Tisch, um gemeinsam so tun, als ob man Frieden wolle. In der Realität gingen aber die Kämpfe ungebrochen weiter. Jeder Waffenstillstand wurde von beiden Seiten dazu genutzt, um die kämpfende Truppe neu zu organisieren, Nachschub heranzukarren und neue Gefechte vorzubereiten.

Diese Farce entpuppt sich nun sogar als steigerungsfähig: In der Nacht zum Donnerstag wurde ein "Durchbruch" bei den Friedensgesprächen verkündet, ein Vertrag liegt schon unterschriftsbereit vor. Aber im gleichen Atemzug verkündete die mazedonische Regierung, dass sie eine neue Offensive gegen die albanischen Rebellen plane. Weil die Rebellen, die in die Friedensverhandlungen eingebunden sind, fortfahren, Armeestellungen anzugreifen und Soldaten zu töten.

Es hat den Anschein, als ob die Mazedonier mit Gewalt versuchen, jeder Friedensmöglichkeit auf dem Balkan den Garaus zu machen und in der unseligen Tradition der letzten Jahre zu verharren.

Vor allem geht es in Mazedonien um die Anerkennung des Albanischen als zweite Amtssprache. Wenn schon nicht im ganzen Land, so soll zumindest in den mehrheitlich von Albanern besiedelten Gebieten in Ämtern und höheren Bildungseinrichtungen Albanisch gesprochen werden. Doch was in Ländern wie der Schweiz, Belgien, ja sogar in Österreich einigermaßen reibungslos funktioniert, wird in Mazedonien zu einer Überlebensfrage für den jungen Kleinstaat hochstilisiert.

Die slawischen Mazedonier sehen in jedem Zugeständnis an die albanische Minderheit den ersten Schritt zur Teilung des Landes. In Wirklichkeit jedoch kann der Zwei-Millionen-Einwohner-Staat nur dann überleben, wenn er allen seinen Bürgern gleiche Rechte gewährt - und dazu gehört eben auch das Recht der etwa 600.000 Albaner auf ihre Sprache. Wer der wachsenden Minderheit dagegen die gerechte Teilnahme am Staat verwehrt, bewirkt genau das, was er zu verhindern vorgibt: Er stärkt die Sezessionisten.

Den Extremisten auf beiden Seiten stehen genug Hintertüren offen, um Vereinbarungen der Gemäßigten zu sabotieren und den Konflikt nachhaltig zu verlängern. Die Zweidrittelmehrheit für die notwendigen Verfassungsänderungen im Parlament ist zum Beispiel alles andere als sicher. Die Parteiführer könnten sich allzu leicht hinter einem Veto der Abgeordneten verstecken.

Der Friedensplan für Mazedonien steht und fällt zudem mit der Umsetzung. Die Nato soll der Regierung bei der Entwaffnung der albanischen Rebellen helfen. Der befristete Auftrag hat gute Chancen, zu einem neuen Dauereinsatz auf dem Balkan zu werden.

Die albanischen Rebellen oder Regierungstruppen müssen nur Zwischenfälle provozieren, um die Nato-Soldaten in eine eher ungemütliche Lage zu bringen. In der slawisch-mazedonischen Mehrheitsbevölkerung ist außerdem die antiwestliche Stimmung stark verbreitet. Der Westen und die Nato stehen dort schon jetzt im Ruf, "Albanerfreunde" zu sein. Sollte die Nato-Truppe die Entwaffnung der Rebellen nicht rasch und effizient bewerkstelligen können, wird im mazedonischen Lager die misstrauische Stimmung in offene Feindseligkeit gegenüber den fremden Truppen umschlagen. Skepsis ist berechtigt, denn im Kosovo hat eine mehrfach stärkere Nato-Friedenstruppe, die Kfor, mit einem viel weiter reichenden Mandat dieselbe Aufgabe auch nicht geschafft.

Wenn man die ganz großen Probleme schon nicht lösen kann, dann muss man versuchen, wenigstens den Kleinkrieg unter Kontrolle zu halten. Der Westen hat aber außer guten Worten und der Drohung, den Geldhahn zuzudrehen, kaum Möglichkeiten, auf die beiden verfeindeten Völker in Mazedonien einzuwirken. Der Hass der slawischen Mazedonier auf die albanische Minderheit und umgekehrt ist viel zu stark. Die Vernunft muss offenbar Pause machen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.8.2001)


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