Auf dem Wasser zu singen

9. August 2001, 19:07
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Anne Sofie von Otter und Melvin Tan im Mozarteum

Salzburg - "Draußen" tobt der Sturm. "Drinnen" herrscht tiefer Frieden, wenn Anne Sofie von Otter Schuberts Die junge Nonne singt. Den Eindruck, dass dicke Klostermauern selbst das Toben der Natur zum fernen Rauschen dämpfen, verstärkte beim Liederabend im Großen Saal des Mozarteums Melvin Tan auf dem Hammerflügel: Da "tobt der wilde, gewalt'ge Sturm", wie es in den Noten steht. Doch wann hat man "das Glöcklein vom Turm" im allgemeinen Gebraus so klar und deutlich gehört wie in dieser stillen Wiedergabe? Selbst das finale "Alleluja" war weder pathetisch noch kitschig. Sollte es tatsächlich Erlösung geben? Fast mochte man es nach diesem Lied glauben.

Dass die Liebe trotzdem eine starken Schwankungen unterworfene Angelegenheit bleibt, machte Anne Sofie von Otter hingegen im weiteren Verlauf des Abends mit Charme und Witz und brillanter Technik deutlich.

Tod und Sehnsucht

Drei Blöcke mit Mozart-, Beethoven- und Schubert-Liedern standen Liedern von Hector Berlioz und Giacomo Meyerbeer gegenüber. Todessehnsucht (Abendempfindung von Mozart oder In questa tomba oscura von Beethoven), Liebesleid (Komm, liebe Zither) oder Liebesglück (An die Nachtigall) waren die durchaus "erdverbundenen" Themen des ersten Teils.

Mit drei träumerisch-impressionistischen Gesängen von Berlioz und fünf perlend-frivolen Liedchen von Meyerbeer gaben die beiden Künstler nach der Pause alle Bodenhaftung auf und verzauberten den Großen Saal samt Publikum in einen übermütig auf den Wellen tanzenden Kahn.

Ob Le coucher du soleil und La mort d'Ophelia von Berlioz oder Der zarte Kahn und Sicilienne von Meyerbeer - Anne Sofie von Otter überzeugte mit brillanten Linien, atemberaubenden Piani in hohen Lagen, hervorragender Textdeutlichkeit und wohl überlegter Phrasierung, die jedes Lied in eine kleine, intime "Oper" verwandelt. Kein Wunsch an eine Liedsängerin blieb offen - aber auch kein Wunsch an einen Liedbegleiter. Melvin Tan legte auf dem Hammerflügel einen subtilen, aber ebenfalls brillant-perlenden Klanggrund, von dem aus La fille de l'air sich in die Wolken schwingen konnte.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 8. 2001)

Von
Heidemarie Klabacher

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