Museumslandschaften für Morde

9. August 2001, 19:26
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Das MQ und "Gegenden für Mord" im "Journal des Verschwindens (XLI)

Meine Schwester prägte schon früh für bestimmte Gegenden, Stadtviertel, Architekturformen und den dazugehörigen Himmel darüber das Wort "ödig". - "Hier ist es ödig", erklärte sie, als unsere Mutter, die als eine der ersten Frauen in Wien Medizin studiert hatte, doch nie Karriere machen konnte (ein doppeltes Mängelwesen: Frau und aus jüdischer Familie), nach der Scheidung mit uns Zwillingen 1928 in die Gumpendorferstraße zog. Und sie blieb dabei: "Hier ist es ödig."

Sie versuchte es nicht weiter zu analysieren, ebenso wenig wie sie einige Jahre später den Entschluss, ihrer Bildung nicht mehr durch absurde Unterrichtsfächer im Weg zu stehen, nicht zurücknahm und aus allen Schulen hinausflog. Wir waren vom Fasanviertel nach Gumpendorf geraten, vom Balkon im vierten Stock konnten wir jetzt über die steile Rahlstiege und die Rahlgasse hinübersehen auf die Rahlschule (ein Maler Rahl, nicht so erfolgreich wie Makart oder Fuchs). Da unsere Mutter ein Faible für das Griechische hatte, gerieten wir in die Rahlschule, ein teils humanistisches, fünf Stockwerke hohes Schulhaus. Von den oberen, engen Klassenzimmern konnte man über die Mariahilfer Straße zu den Museen bis zum Messepalast sehen. Justizpalast, Messepalast, die damalige Vorliebe für "Paläste" entsprach ziemlich exakt der heutigen für "Quartiere".

Gegenden für Mord

"Navigare necesse est", das wäre in der engen, für die Arztpraxis unserer Mutter völlig ungeeigneten Wohnung das Gebot gewesen. Aber jedes Verlangen nach salziger Luft, Fregatten und Seebahnhöfen wurde beim Anblick des beginnenden siebenten Bezirks erstickt.

Nicht erstickt wurde die Vorliebe für das Latein, das meinem Desinteresse an der deutschen Sprache und an jedem von den Unterrichtsbehörden ausgehenden Aufsatzthema entsprach. Die ruhige Lateinlehrerin, der Gleichgültigkeit lieber war als schulische Emotionen, wurde rasch schwanger, bekam einen kleinen Timotheus und weißen Flieder von der Klassensprecherin.

Auch dieser Flieder schien uns so unangebracht und "ödig" wie die ganze Gegend. Ihre Wüstenhaftigkeit setzte frühe Verwüstungen voraus und hatte keine weiteren nötig. So schuf auch diese Landschaft das, was Mary Hottinger in ihren Britischen Gespenster- und Mördergeschichten als Definition von Gegenden gibt: Dass manche Landschaften fast zwangsläufig Morde, Selbstmorde und Gespenster hervorbringen und dass diese umgekehrt mit Landschaften verschwistert sind.

Eine Mitschülerin, die Tochter eines Kohlenhändlers, ertränkte sich nach der Matura in der kleinen elterlichen Badewanne. Heute ist bekannt, dass der siebente Bezirk ebenso wie der zweite Bezirk als vorübergehendes Quartier vor den Vernichtungstransporten herangezogen wurde. Die zweite Gymnasialklasse der Rahlschule besuchte auch eine vergnügte Zwölfjährige aus der Mariahilfer Straße, selbst die unnütze Theobaldgasse amüsierte sie, möglich, dass ihre Mutter ein Handschuhgeschäft hatte.

Erinnern an Leere

Vielleicht würde sich doch ein Weg ins Museumsquartier lohnen, um nach ihr zu suchen. Aber sie hat schon seit 1942 keinerlei Quartier mehr nötig, auch keine Handschuhe mehr.

Ihr endgültiges Fehlen ist Gegenwart, nicht Erinnerung, kein Stoff für Historiker, keiner für Populärphilosophen, auch keiner für Spielbergfilme. Sie hatte keine Möglichkeit, einen Optimismus zu begreifen, der alles schnell "Quartier" nennt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 8. 2001)

Das "Journal des Verschwindens" wird nächsten Freitag fortgesetzt
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