Deutsche T-Aktie erneut im freien Fall

9. August 2001, 13:57
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Frustrierter Kleinaktionär: Ron Sommer raubt mir meine Rente

Nach der Übernahme des US-Mobilfunkkonzerns VoiceStream Ende Mai war der Chef der Deutschen Telekom, Ron Sommer, noch voller Zuversicht: Es gebe für ihn keine Anzeichen, dass die T-Aktie durch die Ausgabe neuer Papiere an die Voice-Stream-Aktionäre unter Druck geraten werde. Doch die aktuelle Kursentwicklung straft diese Worte Lügen.

Die "Volksaktie" im freien Fall

Seit einigen Tagen befindet sich die einst begehrte Volksaktie erneut im freien Fall. Nach mehr als 9-prozentigem Kursverlust allein am Mittwoch schrammte das Papier am Donnerstag die 20-Euro-Grenze.

Kleinaktionäre betroffen und wütend

"Der Sommer raubt mir meine Rente", empört sich ein frustrierter Kleinaktionär. In der Bonner Konzernzentrale gibt man sich indes zugeknöpft: Kein Kommentar! Tatsächlich könnte der Vorstandschef durch die unaufhaltbare Talfahrt wieder unter Druck geraten. "Die Telekom ist einfach nicht gut aufgestellt", kritisiert Jörg Pluta, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf.

Strafanzeigen gegen den Vorstand

Ohnehin ist die oberste Führung-Mannschaft bei vielen Anlegern und Aktionärsvertretern wegen der angeblichen Fehlbewertung des Immobilienvermögens in Misskredit geraten. Es hagelte Strafanzeigen gegen den Vorstand; seitdem ermittelt Staatsanwaltschaft. Der neuerliche Sinkflug der Aktie ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

"Fundamentale Faktoren liefern keine Erklärung"

Experten und Telekom-Analysten sprechen indes von reiner Psychologie: "Fundamentale Faktoren liefern derzeit keine Erklärung", meint Jörg Natrop von der Düsseldorfer WGZ-Bank zu dem neuerlichen Kursverfall. Unverändert hält die Bank an ihrem Kursziel von 29 Euro (399 S) für die T-Aktie fest. Doch ein solcher Preis ist für viele T-Aktionäre blanker Hohn.

Erfolg von Klagen eher gering

Beim letzten Börsengang Mitte 2000 hatten sie noch mehr als doppelt so viel (63 Euro) für eine Aktie gezahlt. Kein Wunder, dass Anleger versuchen, über eine Prospekthaftungsklage wegen der Immobilienbewertung ihr Geld zurück zu bekommen. Doch die Erfolgsaussichten gelten Experten zufolge als gering. Zudem flossen die Mittel aus dem Börsengang nicht in die Kassen der Telekom, sondern ins Staatssäckel. Der Bund als Hauptaktionär hatte sich nämlich erstmals von Anteilen getrennt.

Investoren werfen Aktien auf den Markt

Nach Ansicht von Markus Glockenmeier, Telekom-Analyst der Delbrück Privatbankiers, werfen jetzt offenbar Investoren ihre Papiere auf den Markt, um weitere Verluste zu vermeiden. Denn sie befürchten, dass durch das Ende der Haltefrist für T-Aktien einiger Ex-Großaktionäre von VoiceStream das Papier weiter unter Druck gerät und an Wert verliert.

VoiceStream "schwer verdaulich"

Im gegenwärtigen Börsenumfeld erweist sich VoiceStream als schwer verdaulich. So hatte die Telekom den Erwerb mit gut 1,2 Mrd. neuen T-Aktien bezahlt. Davon ging die Hälfte gleich an Kleinanleger. Für die übrigen Papiere wurden mit den Großaktionären von VoiceStream (Hutchison Whampoa, Sonera, TDS, Goldman) gestaffelte Haltefristen vereinbart. Eine läuft Anfang September ab: Dann dürfen sie 40 Prozent der T-Aktien verkaufen, die restlichen Anteile ab Dezember.

Bald 550 Millionen Aktien wieder im Handel

In der Summe können so in den nächsten Monaten theoretisch noch einmal 550 Mill. T-Aktien auf den Markt kommen, heißt es bei der WGZ-Bank. Sowohl Hutchison Whampoa wie auch der finnische Telekommunikationskonzern Sonera hatten bereits angekündigt, nicht dauerhaft T-Aktionäre bleiben zu wollen - und das sind schlechte Aussichten für die gebeutelten Telekom-Anteilseigner.

Hutchinson zu keiner Stellungnahme bereit

Hutchison besitzt 206,6 Mill. Aktien der Deutschen Telekom. Nach den Kursverlusten der T-Aktie in den vergangenen Tagen waren am Markt Gerüchte aufgekommen, Hutchison könne möglicherweise einen Teil seiner Telekom-Papiere verkaufen. Hutchison wollte dazu keine Stellung nehmen. Analysten hielten jedoch dagegen, dass Hutchison seine Anteile nicht vor Ablauf der Haltefrist Anfang September verkaufen könne. Am Dienstag hatte bereits die Deutsche Bank - im Auftrag für Dritte - 44 Mill. T-Aktien plaziert. Zur Identität des Verkäufers wollte sich die Bank nicht äußern. (APA/dpa)

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