"Frauenlose Ära" im Theater der Jugend dauert an

9. August 2001, 14:07
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Offener Brief der Regisseurin Axster an Wiener Kulturstadtrat Mailath-Pokorny

Sehr geehrter Herr Mailath-Pokorny,

zurück aus den Ferien erfahre ich zu meiner großen Verwunderung, daß Thomas Birkmeir neuer Leiter des Theaters der Jugend ist.

Noch vor kurzer Zeit haben Sie über die Medien bekanntgegeben, daß Sie ein nachhaltiges Interesse haben, Frauen bei der Besetzung von Leitungsposten besonders zu berücksichtigen.

Ursprüngliche Kandidatin nicht ernannt

Diesem Interesse sind Sie bei der Ernennung Birkmeirs zum Intendanten des TdJ offensichtlich nicht nachgekommen. Was angesichts der Tatsache, daß eine Kandidatin vom Auswahlgremium vorgeschlagen worden war, die aufgrund ihrer Erfahrung und Kenntnis der internationalen Kinder- und Jugendtheaterszene und ihres Konzeptes erste Wahl gewesen wäre, nicht nachvollziehbar ist.

Mögliche Schlussfolgerungen

Entweder Sie haben von vornherein gewußt, daß Birkmeir Ihr Kandidat ist. Sollte das der Fall sein, fordere ich Sie in Zukunft der Transparenz halber, die Ihnen ja laut Pressemeldungen auch wichtig ist, auf, „Ihre“ Kandidaten rechtzeitig bekannt zu geben.

Ein anderer Schluß ist der, daß Sie die Meldung, Frauen besonders berücksichtigen zu wollen, nicht ernst gemeint haben. Damit befänden Sie sich zwar, frauenpolitisch, in guter alter SPÖ- Tradition. Unseriös bliebe es allemal.

Letzter möglicher Schluß ist der, daß Sie in den Medien falsch zitiert wurden; Sie es also gar nicht notwendig oder wünschenswert finden, daß leitende Posten im kulturellen Bereich zunehmend von Frauen eingenommen werden. Sollte das der Fall sein, bitte ich Sie, ebenfalls zwecks Transparenz Ihrer politischen Position, diesen Irrtum aufzuklären.

Sollte keine dieser Schlußfolgerungen zutreffen, bitte ich Sie, die Gründe, die gegen Ihre eigene politische Forderung zu dieser Entscheidung geführt haben, bekanntzugeben.

"Frauenloses" Theater der Jugend

Für das Theater der Jugend ist nach einer beispiellos „frauenlosen“ Ära der letzten Jahre im Sinne von verschwindend wenig Regisseurinnen und Autorinnen, sowie immer neuen sexistischen Stückinhalten und Inszenierungsdetails eine wichtige Chance vertan, mit Kinder- und Jugendtheater nicht hauptsächlich Bubentheater zu meinen.

Bei allem Respekt vor Thomas Birkmeirs Arbeit in jeder Hinsicht, lassen die Auswahl seiner für das Kinder- und Jugendtheater bearbeiteten Stoffe, sowie seine inszenatorischen Interpretationen des Geschlechterverhältnisses keine wesentliche Änderung dieses zutiefst konservativen Kurses der letzten Jahre erwarten. (Ein Spielplan ist nicht weniger konservativ, nur weil der Katholische Familienverband noch konservativer ist und sich beispielsweise über „Trainspotting“ (Regie : Harald Posch) empört, wenn aber ganz nebenbei in eben diesem „modernen“ Stück reihenweise frauen- und mädchenverachtende Sätze und Szenen „cool“ über die Rampe kommen.)

Stadt der Theaterchauvinisten

Bleibt zu hoffen, daß Sie sich bei der Besetzung der derzeit ausgeschriebenen offenen Intendanzposten, nach meiner Information sind das der Rabenhof, das Kindertheaterhaus und das Theater in der Josefstadt, an Ihre eigene kulturpolitische Forderung der besonderen Berücksichtigung von Kandidatinnen erinnern. Und dieser Stadt, in der es von leitenden (und auch nicht leitenden) Theaterchauvinisten nur so wimmelt, nicht nur eine Absichtserklärung, sondern konkrete Impulse geben.

Mit freundlichen Grüßen
Lilly Axster, Regisseurin

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