Wer ins Kloster geht . . .

16. August 2001, 12:51
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. . . muss nicht Wolfgang heißen. Selbsterfahrung eines urban verwilderten Klosterschülers ohne Ambitionen aufs Kanzleramt. Von Harald Fidler

Respektlose Menschen ohne Sinn für Esoterik bekommen den kleinen Prospekt besser erst nach dem ersten Kennenlernen und einem kleinen Rundgang. Zu groß ist die Versuchung, sich gleich eingehender mit der Meditation "Gnade und Schwerkraft" zu beschäftigen. Oder dem Besinnungstag unter dem Titel "Frauen leiden UND erleben Auferstehung". Aber was tun respektlose Menschen ohne Sinn für Esoterisches hier eigentlich in dem ehemaligen Renaissanceschloss in Kärnten? Sie machen Urlaub. Im Kloster Wernberg.

Eigentlich, sagt die Provinzoberin, hatte sie ja einen ganz herkömmlichen Namen.

Dumm nur, dass jedes Mitglied dieses Ordens weltweit anders heißen muss, auf dass da keine Verwechslungen geschehen. Jetzt steht unter ihrem Bild im Folder Schwester Palotti, und das ist keineswegs ein Nachname. Bei Dauergästen wie Palotti wirkt, was man hier sucht, ganz nachhaltig. Entspannung sucht man, und ganz besonders entspannt lächelt Schwester Palotti bei ihrer Namensgeschichte.

Entspannter jedenfalls sieht sie drein als Wolfgang Schüssel, spricht ihn ein Journalist auf den jeweils neuesten, zumindest befremdlichen Ausritt seines Regierungspartners FPÖ an. Obwohl sich der Kanzler bekanntlich regelmäßig zu Kurzexerzitien in die Benediktinerabtei Seckau zurückzieht. Immerhin zeigt Schüssel, wie weit man es mit regelmäßigem Klosterbesuch bringen kann.

Wir aber finden uns gerade nicht unter Raiffeisenmanagern, ÖVP-Programmdenkern und Meinungsforschern nebst Kanzler im steirischen Benediktinerstift Seckau wieder. Obwohl es dort neben religiöser Einkehr sogar gediegene Gelegenheit zum gleichnamigen Vorgang kulinarischer Natur geben soll: den Hofwirt der Benediktinerabtei Seckau. Wir sind unter Nonnen in Kärnten.

Statt uns in einer alten Klosterschenke zu laben, sind wir Schwester Palotti gerade nur bedingt dankbar für so unmittelbaren Kontakt mit dem Kräutergarten des Klosters. Schon mal die Vorstufe von Martini im Naturzustand gekaut? Ich habe Exerzitien ohnehin immer mit Selbstgeißelung im Wortsinn in Verbindung gebracht, jetzt eben Wermut, wie Gott ihn schuf, auf der Zunge. Eine Erfahrung. Aber bis das einfache und trotzdem feine Mittagsmahl die Bitternis von den Papillen löst, kann man sich an den Walderdbeeren gütlich tun. Wann durften Sie die zuletzt am Gaumen zerdrücken?

Moment - Wermut?

Im Klosterladen wird mit Wermut höchstens Herz- und Blutwein gebraut, dem der Alkohol in krassestem Gegensatz zum Absinth aus therapeutischen Gründen weitgehend genommen ist. Hochprozentiges kommt nur von Nüssen oder Kerbel (ein geschmacklich spannendes Erlebnis). Und zum Beispiel für Menschen, die von Absinth delirieren, um der Einkehr zu entkommen, sind Kekse nach Rezepturen Hildegard von Bingens vorrätig - laut Beipacktext hilfreich bei einem ganzen Schippel Leiden, einschließlich "Traurigkeit, schwache Nerven und Stumpfsinn". Das hilft vielleicht.

Mit dem großen Verbund "Klösterreich", dem auf Initiative des Abtes von Geras, Joachim Angerer, inzwischen 19 Klöster und Stifte angehören, hat Wernberg nichts zu tun. Aber die Erkenntnis gemein, dass der Ertrag aus Klostergarten und auch größerer Land- wie Forstwirtschaft die alten Gemäuer nicht mehr erhält. Und deshalb Tourismus mit all den Stressflüchtigen und Wohlbefindensuchern (inwendig wie äußerlich) die adäquate Strategie ist.

Angerer versucht das höchst erfolgreich im Großen, mit einer Privatstiftung namens "Klösterreich", deren Mitglieder rundum für "Seelen-Wellness" sorgen wollen. Längst nicht nur mit Bingen-Keksen und Gebeten: Kneippen und Fasten (-wandern) werden angeboten, Yoga und Orgelkonzerte, Touren durch die Klostergärten, "Kloster for Kids" gibt es auch.

Um in Burgen oder Schlössern zu nächtigen, braucht man auch keine ideologische Nähe zur Aristokratie. Und meine brennendste Frage zum Thema beantwortet Schwester Palotti zumindest für ihr Kloster und lächelt entspannt. Lassen Sie auch unverheiratete Paare unter Ihr Dach? "Wir fragen nicht."

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