Höhenluft fürs Handy

23. August 2001, 11:48
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Der Einzug des Mobilfunks ins Gebirge bringt nicht nur mehr Sicherheit, sondern auch neue Risiken

Trotz aufziehenden Schlechtwetters verlassen am 19. Oktober 1998 ein Tourist, seine Tochter und deren Freundin die auf 2524 Meter gelegene Medelser Hütte im Bündner Oberland. Nieselregen und Nebel nehmen den unerfahrenen Berggängern die Orientierung. Bald sitzen sie in einem steilen Couloir fest. Das Handy hat kaum Empfang, erst im letzten Moment gelingt der Notruf, und die Bergwacht rettet alle drei.

Mehr als 10.000 Bergwanderer, Kletterer, Ski- und Snowboardfahrer verunglücken jährlich in den Alpen, mehrere hundert davon tödlich. Einige von ihnen könnten noch am Leben sein, wenn die zuständigen Rettungsstellen schneller Nachricht erhalten hätten. Nach einer Schweizer Studie von 1991 dauert es ohne spezielle Hilfsmittel wie Funkgeräte im Durchschnitt zweieinhalb Stunden, bis die Bergwacht informiert ist. Diese Zeitspanne verringert sich durch die Verwendung eines Handy auf wenige Minuten, was die Rettungschance klarerweise erhöht.

Im Notfall kann man ja anrufen

Doch letztendlich wird mit dem Alltagsinstrument Handy jene Alltagsvorstellung von Sicherheit in die Alpen getragen, die es dort nicht gibt. Er sei sich natürlich auch unsicher gewesen, erklärte der im Bündner Oberland gerettete Familienvater später, ob er bei dem Wetter losgehen solle, habe sich aber gedacht, im Notfall könne er ja anrufen und nach dem Weg fragen. Das Handy hat ihn also aus einer Gefahr gerettet, in die er sich ohne dasselbe gar nicht erst begeben hätte.

Der Österreichische Alpenverein ist sich der Gefahr bewusst, dass sich Bergsteiger all zu sehr auf ihr Handy verlassen. Daher empfiehlt der OeAV zwar die Mitnahme eines Handys, betrachtet es aber nur als "ein, und bei weitem nicht das wichtigste Bauteil eines Risikomanagement-Systems", wie Michael Larcher versichert. Der Bergführer, Alpenvereins-Ausbildungsleiter und Bergunfall-Sachverständiger lobt deshalb die passive Haltung, die der OeAV beim Einzug des Mobilfunks ins Gebirge einnahm.

Flächendeckendes Netz

Eine aktive Rolle spielte dagegen der Deutsche Alpenverein (DAV), der schon 1993 den bayerischen Alpenraum funktechnisch zu kartographieren begann. Das Ziel war, in Zusammenarbeit mit den kommerziellen Mobilfunkbetreibern ein möglichst flächendeckendes Netz aufzubauen, wofür seither zehn neue Sendemasten ins Gebirge gestellt wurden. Deutschland, so rühmt sich der DAV nun, sei jetzt im Hinblick auf die Netzdichte im Gebirge "in Europa führend".

Unbestritten ist, dass, wenn sich ein Unfall bereits ereignet hat, ein zur Verfügung stehendes Handy lebensrettend sein kann. Ob es geeignet ist, die Zahl der Bergtoten tatsächlich zu reduzieren, bleibt abzuwarten. Die meisten Toten und Verletzten gibt es unter unerfahrenen Bergsteigern. So beklagt der Leiter der Bergrettung in Zermatt, Bruno Jelk, dass immer mehr Bergsteiger außerhalb der Hütten campierten, keine Angaben über das jeweilige Tourenziel machten und alle Warnungen in den Wind schlagen würden.

Ausleben von egoistischen und partikulären Interessen

Dass das Angebot, von jedem Punkt des Gebirges Hilfe herbeirufen zu können, das "Ausleben egoistischer und partikularer Interessen" fördern könnte, befürchtet auch der Tourismusforscher und Wiener Professor für europäische Ethnologie Dieter Kramer. Bloße Symptombekämpfung trete hier "an die Stelle jenes gemeinschaftlich organisierten und verantworteten Umgangs mit den Risiken im Gebirge, der die alpinen Verbände bislang ausgezeichnet hatte."

Das heißt, ein Notrufsystem wie das des Mobilfunks verändert auch die Rolle der Traditionsvereine - deren Erfahrung und Sicherheitsphilosophie werden verzichtbar. Der Alpengänger des 21. Jahrhunderts muss im Grunde nur noch darauf achten, dass er gut genug versichert ist, um den Rettungseinsatz nicht aus eigener Tasche bezahlen zu müssen. Gerhard Fitzthum

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