Wo die Steine wachsen

21. August 2001, 11:23
posten

Durch den Schlund, vorbei an Zwiebeltürmen bis zur Riesenglocke - eine Führung mit einem Kulthöhlenforscher durch die Lurgrotte bei Semriach

"Ich kenne Kulthöhlen in Asien, mit riesigen Buddhastatuen. Da ist Indiana Jones ein billiger Kitsch dagegen", sagt der Prähistoriker und Höhlenexperte Heinrich Kusch. Bewaffnet mit nicht viel mehr als einer schwarzen gusseisernen Gaslampe in der Hand schreitet er enthusiastisch voran - im Eiltempo und konzentriert. Als ob es sich um eine Expedition handeln würde - und nicht um eine Führung in der Lurgrotte bei Semriach in der Steiermark. Die mit ihrem fünf Kilometer langen Höhlensystem immerhin die größte aktive Wasserhöhle des Heimatlandes ist. Und die vor allem für ihre Tropfsteine bekannt ist.

Wenige Meter innerhalb des Grotteneingangs in Semriach, der "prähistorische Schlund" ist so einladend wie ein mit Waldfarnen geschmücktes Walfischmaul, bilden die Steinmassen bereits einen engen Schlauch. Es ist kalt, feucht, dunkel, und es stinkt. Die Steine wölben sich optisch, wenn der Lichtkegel der Lampen auf sie trifft. Irgendwo, das Echo täuscht Dolby Surround vor, rauscht dumpf das Wasser des Lurbaches, der die Grotte speist. Die Temperatur sinkt weiter. Bis auf neun Grad. "Es könnte auch gefährlich werden", meint der Spezialist der unterirdischen Welt mit viel versprechendem Blick.

1894 waren sieben Höhlenforscher neun Tage lang in der Lurgrotte eingesperrt. Plötzlich einbrechende Wassermassen hatten die Höhlengänge innerhalb von Minuten gefüllt und den Eingang versperrt. Die Eingeschlossenen mussten freigesprengt werden. Das mit dem Auffüllen funktioniert bei starken Regenfällen auch heute noch so. Aber: "Heute ist ein schöner Tag", beruhigt Kusch. Im dumpfen Lampenschein wirkt er in etwa so vertrauenserweckend wie Doktor Mabuse.

Mit jedem Schritt im Gänsemarsch wird es schwieriger, den Erklärungen des Grazer Wissenschaftlers zu folgen. Aber seine Geschichten über europäische Kulthöhlen, Götter, Geister und Dämonen sind auch nachzulesen - er hat unlängst ein Buch darüber verfasst.

Stalaktiten und Stalagmiten

Die Tropfsteine links und rechts vom schmalen, schlammigen Weg sehen einmal weich wie Regenwürmer, einmal stachelig wie Krustentiere aus. Die Stalaktiten (Deckenzapfen), die von oben nach unten wachsen, fühlen sich erschreckend lebendig an. Dazwischen wachsen Stalagmiten von unten rauf. Beide mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund einem Kubikmillimeter bis zu einem Kubikzentimeter. In hundert Jahren.

"Tropfsteine sind Kalkausscheidungen aus den in einen Höhlenraum eindringenden Sickerwässern", erklärt Kusch wissenschaftlich korrekt. Tatsächlich aber sehen die Steine wie längliche Zwiebeltürme aus Schlagobers aus.

Der große Dom

Rechts von der schmalen Seilbrücke geht es rund vierzig Meter bergab, und das Gefühl der Enge wird immer drückender, plötzlich eröffnet sich das Herzstück der Grotte - der sogenannte "Große Dom". Eine 120 Meter lange, fast genau so breite und vierzig Meter hohe Science-Fiction Landschaft. Das mulmige Gefühl der Enge ist wie weggeblasen, und die Besucher lassen die eigentümliche Schönheit der Tropfsteingruppen, die Namen wie "Riesenglocke" oder "Einsiedler" tragen, auf sich wirken.

Nicht weit davon wurden einst Knochen gefunden.

Die Gebeine von Höhlenbären - die angeblich zur Zeit des sogenannten "Höhlenbärenkults" europaweit in Kulthöhlen geopfert wurden. Doch die genaueren Umstände gehören noch den zu vielen ungelösten prähistorischen Rätsel der Höhlenforschung. Die eventuell in der Lurgrotte auf Lösung warten. Denn der Großteil des Höhlensystems ist noch immer unerforscht. "Was ja nicht so bleiben muss", meint Kusch am Rückweg. Pläne für weitere Erschließungen hätte er bereits in der Tasche. Doch zunächst siegt die Anziehungskraft des Gasthofs Schinnerl, den die Grottenbesitzer gleich am Eingang betreiben. Andrea König

Anlässlich der Präsentation des Buches "Kulthöhlen in Europa" führte Autor Heinrich Kusch durch die Lurgrotte im steirischen Semriach.


Infos:
www.lurgrotte-semriach.at, Tel. 03127 / 8319.
Buchtipp:
Heinrich und Ingrid Kusch, Kulthöhlen in Europa - Götter, Geister und Dämonen, Styria Verlag, 2001 öS 498 / EURO 36,2 ISBN: 3-222-12896-0.
Share if you care.