Elegante Damen mit Horn

22. August 2001, 12:27
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Stationen einer Reise durch und über die Grenzen von Österreich - eine Serie in fünf Teilen von Stefanie Holzer.

Die erste Etappe führt von Innsbruck nach Lienz, vorbei an geschmücktem Rindvieh, durch schottische Einsamkeit und hinein ins südliche Flair Osttirols.

Das Gebirge ist eine dem Flachländer merkwürdige Gegend, nicht nur wegen der Höhen, sondern wegen der Tatsache, dass es jeweils nur eine Straße gibt, die an einen bestimmten Ort führt. Deswegen wählt W. immer, wenn es irgend geht, eine Variante, um mir Flachländerin zu zeigen, dass auch Tirol Abwechslung kennt. Das Zillertal ist, wie jeder weiß, nur auf einer Straße zu bereisen. Diese Straße den Ziller entlang ist jedoch nicht nur der Zugang zum angeblich unterhaltsamsten Tal des Landes, sondern auch eine Variante zum üblichen Weg nach Osttirol: Statt durch das Brixental nach Kitzbühel und von dort nach Süden in Richtung Felbertauern zu fahren, sollte es diesmal das Zillertal sein, weiter hinauf durch das Gerlostal hinüber nach Salzburg, vorbei an den Krimmler Wasserfällen weiter bis Mittersill, und von hier nach Süden über den Felbertauern.

Im Zillertal schoppt der Verkehr ziemlich häufig.

An diesem Wochenende wirkte das vordere Tal vergleichsweise vereinsamt, erst weiter hinten traten Verkehrshindernisse auf, die die brausende Fahrt nicht nur verlangsamten, sondern immer wieder total unterbrachen. Schilder am Straßenrand wiesen darauf hin, dass an diesem Wochenende die Almabtriebe stattfanden. Im gesamten Ziller- und Gerlostal schlenderten, trabten, marschierten und rannten Kühe geschmückt und ungeschmückt zu Tal.

Auch wenn man das in Zeiten der Rindfleischhysterie nicht gern hört: Es war ein Anblick für Götter. Rindviecher sind nicht der Inbegriff von Tieren zum Liebhaben. Ich aber finde Rindviecher hinreißend. Wer jemals eine Kuh gestriegelt, ihr die Kletten von den Flanken geputzt hat, sich beinahe - für die Kuh? - geniert hat, weil sie den Schwanz gar so bereitwillig hebt und dreht, damit man sie auch am Übergang zu intimeren Stellen bürstet, der weiß um das sanfte Innenleben dieser riesigen Viecher.

Eine jede Kuh ist ein ehemaliges Kalb, dem man die Hand ins Maul steckt.

Das Kalb saugt so inbrünstig an der Hand, dass aus dem eigenen Speichel weißer Schaum entsteht, den das genusssüchtige Kalb für Milchschaum hält. Trotz ihrer bekannten Geländegängigkeit, die sie oft weit hinauf in steinige Bergeshöhen führt, wirken Kühe auf dem Asphalt unbeholfen. Obwohl heutzutage eine jede Kuh schon ein Auto gesehen hat, betrachtet sie den Autofahrer mit großer Reserve. Man weiß ja nie bei den Blechbüchsen, ob sie nicht abrupte Bewegungen machen . . .

Kühe haben die zauberhaftesten Augen von allen Tieren. Schwarz wie Bakelit und glänzend wie ein See in einer mondlos finsteren Nacht, so schauen sie uns an, wie wir in unseren Autos sitzen. Einige von ihnen sind wirklich stolz auf ihren Kopfputz, andere geniert er bloß. Es geht ihnen wie den Menschen, die an bestimmten Festtagen im Jahr Tracht tragen. Die einen scheinen hineingewachsen, die anderen kommen sich vor wie Alpinclowns.

Das Gerlostal zweigt bei Zell im Zillertal,

wie der Ort neuerdings aus tourismuswerblichen Gründen genannt werden will, in östlicher Richtung ab. Auch hier verlassen die Kühe die Almen. Während im Zillertal Fleck- und Braunvieh vorherrschten, mischen sich hier, je weiter man hinaufkommt, die ersten Pinzgauer ins braunfleckige Kuhgewimmel.

Jeder, der einen Maler in seiner Bekanntschaft hat, weiß, dass es dumm ist zu behaupten, dass manche Farben schön und andere eben nicht so schön seien. Angesichts der intensiv rotbraun-beige-gefärbten Pinzgauer allerdings kann nicht einmal der kompromissloseste Maler behaupten, dass alle Farben gleich seien. Der üppig fleischige Körperbau dieser Tiere wird durch die vom Scheitel bis zum Schwanz durchgängig rotbraun gehaltene Rückgratlinie und die Verbannung des Beiges auf die Seiten und den Bauch wunderbar elegant. Der Bestand dieser Tiere ist nahezu auf den Pinzgau beschränkt.

Hin und wieder trifft der an Kühen interessierte Reisende auf die Jochberger Hummel.

Dabei handelt es sich, habe ich mir sagen lassen, um eine hornlose Mutation des Pinzgauer Rindes. Mir sind die Pinzgauer mit Hörnern lieber. Sie schauen aus wie elegante Damen mit sehr gepflegten Nägeln. Weder Nägel noch Hörner werden als Waffe eingesetzt, sondern sind nach dem Soziologen Thorstein Veblen mit seiner "Theorie der feinen Leute" Zeichen des Luxus. Wenn es sein müsste, könnten Nägel kratzen und Hörner stoßen; doch nobler werden beide beim friedvollen Nichtstun vorgeführt.

Das Gerlostal ist so waldreich wie sonst in Österreich nur das Innere der oberen Steiermark, bevor man ins kaiserlich-königliche Mariazell kommt. Das Gerlostal tritt, bald nachdem die Höhe gewonnen ist, den Beweis an, dass auch Speicher- seen ziemlich schöne Seen sind. Die beinahe schottische Einsamkeit der Gegend mit den eiszeitlich buckelig geschliffenen Bergrücken wird durch einige Liftanlagen aufgelockert, die an einem mittlerweile strahlenden Septembertag, an dem das Gras gelb aus einem oliv gehaltenen Grundton herausleuchtet, etwas von "das darf doch nicht wahr sein" haben. Man stellt sich lieber gar nicht vor, wie es im Winter hier sein mag, wenn das allenthalben grassierende Bedürfnis nach Spaß, vulgo Fun, die Landschaft mit seinen lärmenden und stinkenden Begleiterscheinungen verfremdet.

Englische Gelassenheit von Vorteil

Der Reisende in den österreichischen Alpen muss, damit er ein zufriedener Reisender sein kann, eine englische Grundstimmung mitbringen. Er darf nicht verzweifeln, wenn das strahlende Wetter mit jeder Kehre, mit der er sich vom Gerlospass hinunter den höchsten Wasserfällen Österreichs nähert, an Strahlkraft verliert und dort, wo ein jeder Christenmensch ein Foto machen muss, der Nebel alles verschleiert.

Der ländlich-landwirtschaftliche Charakter der Dörfer hat sich im Salzachtal trotz des Tourismus besser erhalten als im Zillertal; allerdings sind einzelne neue Hotels und modernisierte Gasthöfe an der Straße nach Mittersill unmissverständliche Zeichen dafür, in welche Richtung das Tal sich entwickelt. Wie heißt es doch im berühmten Ischgl im Paznauntal: Es baut ein jeder, wie er will.

Die Felbertauern

Auch wenn landläufig gesagt wird, dass man "über" den Felbertauern fährt, so stimmt das nicht ganz. Der Felbertauern (2481 m) war in der Römerzeit ein stark frequentierter Alpenübergang. Und was für ein gefährliches Gebirge die Alpen nicht nur zur Römerzeit, sondern bis zum Tunnelbau waren, mag das Ende des Bildhauers Petrus Schmid verdeutlichen. Er machte sich im Jahre 1787 mit seinem Gehilfen auf den Weg von Mittersill nach Matrei in Osttirol, um für die dortige Kirche einen Rokoko-Hochaltar zu schaffen. Doch der Bildhauer und sein Gehilfe kamen in einem Schneesturm am Felbertauern um.

Wir waren zu früh für unsere nachmittägliche Lesung in Matrei, dem einzigen Pflichttermin auf unserer Österreich-Erkundungsreise: Also gingen wir nach unserem Besuch in der Pfarrkirche zum Hl. Alban, der nach seiner Enthauptung selbst den Kopf ins Grab getragen hat, noch ein Stück spazieren. Auf einer Weide bei einem Bauernhof standen zwei Kühe und ein ziemlich kräftiges Stierkalb. Dieses lebensfrohe junge Stierl wollte der Bauer soeben auf einen Wagen führen. Selbst dem Nichtvegetarier wird beim Anblick eines Bauern, der sein Kalb auf die Schlachtbank führen will, leicht mulmig.

Das Stierkalb schien zu ahnen, dass eine Entfernung von seiner Frau Mama auf der Wiese nur ungünstige Folgen haben könnte. Also nahm es alle Kraft zusammen und zog den Bauern, der den Kopf des Kalbes an einem kurzen Strick festgezurrt hatte, kurzerhand mit von der Rampe hinunter auf die Wiese. Der Bauer gehörte zu jener Sorte unheimlicher Menschen, die Wut leise ausleben. Nur seiner Bäuerin schien er mit einem Blick zu sagen: "Da hast es! Typisch, wie sich DEIN Kalb aufführt." Das Stierkalb hatte derweil seinen kurzen dicken Kopf triumphierend erhoben und stakste, an den Flanken vor Aufregung zitternd, zu seiner Mutter hin. Es hatte sich zumindest noch einen schönen Sonnentag auf der Wiese erkämpft.

Lienz hat, das steht in jedem Reiseführer, südliches Flair.

Auf dem Hauptplatz haben deshalb die Cafetiers Zelte mit durchsichtigen Zeltwänden errichtet. Innen tragen - an einem Septemberabend im Gebirge - elektrische Heizgeräte zur Empfindung "südlich" bei. Auf dem Hauptplatz in der Mitte zwischen der von den Grafen Wolkenstein-Rodenegg 1605 errichteten Liebburg, der schießschartenartig befensterten Bank von Raimund Abraham und dem schmucken Hotel Vergeiner's Traube nahmen wir in einem der gastlichen Zelte einen Pfiff. Herausragend war der Effekt, denn das Bier war viel, viel besser, als es im wirklichen Süden der Fall ist.

Das Kleinstadtleben entfaltete sich vor uns auf dem Platz. Menschen, um genau zu sein, Männer, die im lokalen öffentlichen Leben offenkundig eine Rolle spielen, gingen eilig über den Platz, blieben immer wieder stehen, schüttelten hocherfreut eine Hand im Zelt und die nächste beim Wiederhinaustreten.

Am Sonntagmorgen versuchten wir wieder einmal vergeblich unser Glück:

Schon zum zweiten Mal wollten wir die von Albin Egger-Lienz ausgemalte Totenkapelle bei der Stadtpfarrkirche besichtigen. Doch obwohl in der Kirche gerade das Hochamt im Gange war, war die Kapelle verschlossen. Ein Zettel hing an der Tür. Nachrichten von Unbekannten an Unbekannte beflügeln die Fantasie. Ich gab meiner Neugierde nach: "Schämt ihr euch immer noch?", fragte ein empörter Tourist, der wie wir vor der verschlossenen Tür gestanden war. Als Albin Egger-Lienz in der Mitte der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts die Kapelle mit dem vierteiligen Freskenzyklus - Sämann und Teufel, die Namenlosen, Totenopfer und Auferstehung - der Öffentlichkeit präsentierte, schäumte die Wut über den Bau von Clemens Holzmeister ("Waschküche") und das Bildprogramm, insbesondere den Gekreuzigten ("Schwindsüchtiger" oder "Indianerhäuptling, dem der Nasenring fehlt").

Der Kampf um diese Kapelle wurde in der lokalen Presse mit äußerster Härte ausgetragen, bis sich der Vatikan genötigt sah, ein Machtwort zu sprechen: "Das in Frage stehende Bild soll zur Gänze aus der Kapelle, in der es angebracht wurde, entfernt werden. Wenn dies aber nicht sogleich geschehen kann, soll die Kapelle selbst dem Interdikt verfallen . . ." Längst hat sich der Pulverdampf verzogen. Allein der Schlüssel zur Kapelle ist noch nicht dort, wo man ihn am dringendsten braucht . . .

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