Pro & Contra
Sex im Freien

11. August 2001, 14:37
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Pro von Thomas Rottenberg

Eigentlich sollte hier was Akademisch-Intellektuelles stehen. Etwas, was die Kollegin von nebenan alt aussehen lassen sollte. Etwas Fabelhaftes. Von wegen Qualität und Gleichnishaftigkeit. Die Geschichte von der Fliege etwa. Die flog in einer Party-Videoinstallation (neun tonlose Bildschirme mit dem selben Porno) mit bumerangesker Beharrlichkeit ins Zentrum der gynäkologischen Action-Close-Ups. Auch Händefuchteln der Körpersaftakrobaten vertrieb sie nicht. Als Moral hätte ich elegant den Bogen zur Überästhetisierung von Sex durch Schönkörperaufnahmen gezogen: Die Fliege als Sinnbild für Sex, der Natur, also Leben und komische Zwischenfälle, ist. Und geschlussfolgert, dass es ergo absurd wäre, für Sex, aber gegen Ameisen, Gelsen und Umwelt zu wettern.

Aber dann bekamen die Kollegen "bri", "fern" und "frei" (wir sitzen in einem Zimmer) Wind von der Sache: "Sei ned so g'scheit," schulmeisterten sie. "Schreib lieber . . ." hier kamen Zoten, die mich erschauern ließen: Nie hätte ich Mitarbeitern einer Qualitätszeitung derart derbe Worte zugetraut. Dann besannen sie sich auf drei Argumente: Man muss nachher kein Bett frisch überziehen. Man muss nicht zum Frühstück bleiben. Und: Die Leute, die einen erwischen, sind wenigsten nicht die eigenen Kinder.

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Contra von Gudrun Harrer

Sex im Freien, ja doch, kenne ich. War das nicht an diesem wunderschönen 1. Mai, anno domini beziehungsweise Tschernobylii 1986, als das grüne Wiesenbett besonders weich, die Blümelein besonders duftend und die Bienchensumm besonders sexy . . . Wenn ich nicht, anders als mein Kollege vis-à-vis, so dezent und geschmackvoll wär', würde ich jetzt was von Strahlemännern und Brennkolben erzählen. Oder von Glühwürmchen.

Apropos Würmchen, tut mir leid, das zu erwähnen, aber die stimulierende Wirkung eines Ameisenhaufens hält sich bei den meisten Natur-Liebhabern auch eher in Grenzen. Und weg ist er, samt Besitzer. Vielleicht hinauf auf einen von Termiten angefressenen Hochstand, der nur darauf gewartet hat, bei gewissen Schwingungen krachend den Liebestod zu sterben. Verhaftet kann man übrigens auch werden, dem könnte man allerdings entgehen, indem man denjenigen, der einen verhaften will, mittun lässt - was aber, wenn er nicht will? Und überhaupt, die Voyeure und Voyeusen, denen vergönne ich es auch nicht, zahlen nichts, und selbst hat man die Kleenexkosten. Das Papier wird ja schon wieder teurer, hat unser Herausgeber gesagt. Also: Wer für Sex im Freien ist, macht sich mitschuldig an der Abholzung der Regenwälder. Von wegen Natur-Liebhaben.

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