Bayreuth, günstig

8. August 2001, 21:42
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Peter Vujica legt uns allen Kläre Warnecke ans Herz

Wollen Sie für ganze 248 Schilling oder (für den Fall, dass Sie unsere neue Superwährung gar nicht mehr erwarten können) für 18,02 Euro nach Bayreuth?

Ich frage ja nur. Könnte ja sein. Ist auch wirklich keine Schande. Und um diesen Preis wäre das doch wirklich eine Mezzie. Zumal Sie in diesem Fall nicht einmal hinfahren müssten, um dort zu sein.

Das hat nämlich eine Dame namens Kläre Warnecke für Sie erledigt. Wie ihr Name ahnen lässt, kommt sie aus Hamburg. In Bayreuth hat sie ihre neugierige Nase viele Festspielsommer lang in die verborgensten Winkel und Archive gesteckt. Alles, was Sie dabei entdeckte, hat sie in ein Buch geschrieben, das vor kurzem im Arche Verlag erschienen ist.

Und darin kann man wirklich die seltsamsten Dinge lesen. Etwa Peter Iljitsch Tschaikowskys anlässlich seines Bayreuth-Aufenthaltes im ersten Festspieljahr durchlittenes gastronomisches Ungemach, über die der russische Meister wortreich klagte:

"Alles schreit durcheinander. Die ermatteten Kellner schenken selbst den berechtigsten Forderungen nicht die geringste Aufmerksamkeit. Man hörte mehr von Beefsteaks, Schnitzeln und Bratkartoffeln als von Wagners Leitmotiven."

Für den Fall aber, dass Sie mit Richard Wagner und seiner Musik nur wenig oder gar nichts, dafür aber umso mehr mit Literatur am Hut haben, hat das maßvolle 174 Seiten starke Buch einiges über Jean Paul parat.

Immerhin ist Jean Paul es gewesen, der Bayreuth, wo er bis zu seinem Tod (1825) 21 Jahre lang lebte, schon vor Wagner berühmt gemacht hatte. Und während der fünf Spaziergänge und der beiden Ausflüge, auf die Sie die Dame aus Hamburg begleiten können, bleibt Ihnen kein Stübchen, in dem der Dichter des Titan und des Siebenkäs dichtete, verborgen.

Sollten Sie mit Wagner aber vielleicht doch etwas am Hut haben, aber schon weit weniger mit dem modernen Inszenierungsstil, dann wird Ihnen durch die Lektüre dessen, was der große Dirigent Hans Knappertsbusch nach dem Krieg über Wieland und Wolfgang Wagners szenische Entrümpelung gesagt hat, ganz bestimmt warm ums Herz: "Wenn man die Enkel kennt, weiß man, was der Großvater für ein Arschloch war."

Wer aber etwas Nettes über Richard Wagners Antisemitismus lesen möchte, wird ebenfalls bestens bedient: etwa durch den Bericht über die seelische Bedrückung des Meisters, dass die Uraufführung seines Parsifal just der Sohn des Oberrabbiners von Gießen, Hermann Levi, dirigieren sollte - und über den ridikülen (und vergeblichen) Versuch des Meisters, den Dirigenten dazu zu bewegen, sich (zur Linderung der Schmach) auf die Schnelle ein bisserl taufen zu lassen.

Ich will Ihnen ja nicht nahe treten. Doch ins Herz schauen kann man ja wirklich niemandem. Aber es gibt doch nicht wenige (Senioren), denen die Auftritte des Führers halt schon sehr gefallen haben. Und die waren in Bayreuth halt besonders pompös. Friedelind Wagner berichtete schon während des Zweiten Weltkrieges (angeekelt):

"Gegen Mittag raste ein Wagen mit brüllenden SS-Männern durch die Straßen, gefolgt vom Wagen des Führers, dahinter kam ein Zug von vier bis fünf Wagen, ebenfalls dichtbesetzt mit SS-Männern, viele von ihnen auf den Trittbrettern stehend und wie Ameisen an die Karosserie angeklammert. Während die Menge 'Heil Hitler' brüllte, raste der Wagen mit unglaublicher Geschwindigkeit weiter und fuhr in den Garten von Wahnfried ein."

Und je nach Geschmack können Sie sich dazu den Walkürenritt oder den Trauermarsch aus der Götterdämmerung auflegen. Bayreuth für jedermann.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 8. 2001)

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