"Papa der unmöglichen Kinder"
Severino Antinori will der Welt den ersten Menschenklon schenken

12. August 2001, 12:04
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"Doktor Wunder" nennen ihn seine Patienten, "Kamikaze-Gynäkologe" seine Kritiker. Er selbst fühlt sich "wie Galilei" im Kampf mit Mächten, die die Menschheit "ins Mittelalter zurückdrängen wollen": Severino Antinori, derzeit umstrittenster Arzt des Erdenrunds, der der Welt den ersten Menschenklon schenken will.

Der Vergleich spricht nicht nur für das Selbstbewusstsein des 55-jährigen Energie- und Temperamentbündels, er spitzt auch den Konflikt eines gläubigen Katholiken mit seiner Kirche zu. Schon als Kind war der in den Abruzzen Geborene fasziniert von der Legende der Sara, die im biblischen Alter von 90 Jahren ihrem 100-jährigen Abraham ein Kind gebar. Zugleich lernte er das Instrumentarium kennen, mit dem die Menschen selbst ans Wundermachen gingen: Als Kind half Antinori seinem Onkel, einem Veterinär, beim künstlichen Besamen, als Heranwachsender holte er sich Fachwissen in Medizinstudien in der halben Welt.

Das zweite berufsentscheidende Erlebnis für den schon spezialisierten Gynäkologen kam am 5. Juli 1978, als in England Louise Brown geboren wurde, das erste Kind aus der Retorte der künstlichen Befruchtung. Antinori - das Bild des Entwicklers dieser Methode hängt heute noch über seinem Schreibtisch - wollte die Technik in Italien etablieren, kam damit aber erstmals in Konflikt mit der katholischen Kirche, seinem damaligen Arbeitgeber. Der Arzt ging in ein anderes Spital und machte sich in Fachkreisen einen seriösen Namen.

Die breite Öffentlichkeit überraschte er im Jahre 1992 mit seiner Sara: Antinori verhalf einer 62-Jährigen zu einem Kind, in einer Privatklinik, die er gleich neben dem Vatikan eröffnet hatte. Dessen Kritik kam prompt, hielt den Mediziner aber nicht davon ab, im Namen des "Menschenrechts auf Kinder" die Grenzen der Naturbeherrschung ständig zu erweitern: Nicht nur Frauen nach der Menopause macht er wieder gebären, auch zeugungsschwaches Sperma ließ er in Rattenhoden stärken. Über tausend Eltern hat "der Papa der unmöglichen Kinder" glücklich gemacht.

Nun soll also, als "nur logischer nächster Schritt", das Klonen folgen. Er sei "kein Monster", wiederholt Antinori bei jeder Gelegenheit, er wolle auch keine Monster zeugen, vor allem: keine Verstorbenen durch Klone ersetzen wie seine Konkurrenten von der Sekte Rael, die er hart als Scharlatane verurteilt.

Er will auch sich selbst nicht klonen. "Ich habe eine perfekte Familie", Ehefrau Caterina ist Biologin, von den beiden Töchtern ist die eine Gynäkologin, die andere studiert Biologie. Von innen ist die Harmonie nicht gefährdet, aber von außen droht Unbill, die Ärztekammer will Antinori ausschließen, und: "Ich erwarte die Exkommunikation zu jeder Zeit." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.8.2001)

von Jürgen Langenbach
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