Das Spiel mit der Quote

8. August 2001, 20:01
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Oder: Wenn ein Museumsdirektor beginnt, sich in einen Entertainer zu verwandeln

Die kulturpolitische Diskussion dreht sich in Österreich vorrangig um die Frage des politischen Einflusses auf Kunst- und Medienproduktionen. Wie viel wird interveniert? Was wird abgedreht? Wird Provokantes zugelassen? Beispiel Fernsehen: Selbst kritische Intellektuelle interessiert an der ORF-Reform eigentlich nur, ob der Bundeskanzler nun die gesamte Macht ergreift oder nicht. Tatsächlich: Wolfgang Schüssel ist hoffentlich so gut beraten, dass er trotz klarer Eigentumsverhältnisse einen mündigen Stiftungsrat ermöglicht.

Aber der andere wichtige Aspekt, jener der Qualität, wird in der öffentlichen Debatte über die Zukunft des ORF und die Auflagen des neuen Gesetzes in den Hintergrund gedrängt - mit dem simplen Argument, dass man Taxi Orange brauche, um die Kunststücke finanzieren zu können. Stimmt nicht. Tatsächlich wurde in der Ära Bacher (wenn auch zu anderen Zeiten) vorgezeigt, dass der ORF gute Ideen in große Hits verwandeln konnte und könnte. Und keine Kopieranstalt sein muss. Warum soll dieser Ansatz nicht mehr gelten?

Vielleicht weil jetzt das Quotendenken à la Gerhard Weis auch auf die übrige Kulturlandschaft übergreift. Und den Geist Richtung Geld wehen lässt.

Wilfried Seipel, der offenbar allein herrschende Direktor des Kunsthistorischen Museums, einem der bedeutendsten internationalen Kunstinstitute, hebt den fantastischen Realisten Ernst Fuchs als ewig Unverstandenen auf die Stufe von El Greco.

Er stellt ihn im Wiener Palais Harrach aus und muss sich die Frage gefallen lassen, ab wann auch der burgenländische Malerpoet Gottfried Kumpf von sich und weltweit behaupten kann: Ich wurde vom Kunsthistorischen ausgestellt. Braucht er nur einen geeigneten Sponsor? Und einen mediengewandten Kurator?

Gewiss: Ernst Fuchs ist künstlerisch nicht unbedeutend, und er hat eine riesige Gemeinde. Gefehlt haben ihm bisher die höheren Weihen. Die hat er nun. Ermöglicht von einem Museumsdirektor, dem die Quote wichtiger ist als der Ruf seines Instituts. Die Preise der Fuchs-Exponate werden weiter steigen, das Image des Kunsthistorischen Museums aber ist beschädigt. Noch schlimmer: Andere könnten ebenfalls auf die Idee kommen, Museumsqualität auf dem Altar der Quote zu opfern. Wenn ein Seipel beginnt, sich in einen Moik zu verwandeln, ist Gefahr in Verzug. Warum sollen die Schürzenjäger nicht in der Wiener Oper singen? Oder Dina Larot aus der Krone bunt im Museumsquartier präsentiert werden? Vielleicht zeichnet der Schönbrunner Viechermanager Helmut Pechlaner ganz geheim seine Affen und müsste deshalb dringend in der Albertina hängen.

Man ist versucht, den Qualitätsabfall mit der Ausgliederung (Autonomie) der Museen zu begründen. Das mag zum Teil stimmen, weil die Mittelbeschaffung für den laufenden Betrieb und vor allem für große Ausstellungen zäher Arbeit und vieler Ideen bedarf. In renommierten amerikanischen Institutionen sorgen Philantropen und Fachleute in den Aufsichtsgremien dafür, dass ein bestimmtes Niveau nicht unterschritten wird. Auch in schwierigen Zeiten. In Österreich brennen die Sicherungen jetzt schon durch.

Was tun? Verbinden wir die Frage mit dem Anfang dieses Kommentars. Wenn der Bundeskanzler wirklich einen besseren ORF will, dann sollten die Stiftungsräte nicht nur nach dem Kriterium der politischen Mündigkeit ausgewählt werden. Sie müssten der größten Kulturorgel der Republik klare Qualitätsvorgaben machen. Das hätte Beispielsfolgen.

Vielleicht auch für eine Museumslandschaft, auf die man international gespannt ist. Allzu modisches, nur von Dollarquoten getriebenes Kulturgut sollte draußen bleiben. Denn wenn nur noch populär oder gar populistisch geplant wird, braucht man auch politisch nicht mehr intervenieren. Dann sind die Museen selbst zur Provokation nicht mehr fähig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5. 8. 2001)

Von
Gerfried Sperl

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