Weitere Opfer des Cholesterinsenkers von Bayer

10. August 2001, 18:27
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Sammelklage abzusehen

Leverkusen - Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Bayer-Medikament Lipobay/Baycol hat sich in Deutschland auf fünf erhöht, teilte am Freitag das für die Sicherheit von Medikamenten zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel in Bonn mit. Das Medikament war am Mittwoch vom Markt genommen worden, nachdem sich der Verdacht verdichtet hatte, dass es in seltenen Fällen zu Muskelzerfall, Nierenversagen und Tod führen könne. Gleichzeitig verstärkte sich die Kritik an den Maßnahmen zur Kontrolle der Arzneimittelsicherheit.

Der mit seinem Einsatz für die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern bekannt gewordene Münchner Anwalt Michael Witti prüft mittlerweile Schadenersatzklagen von Patienten gegen den Bayer-Konzern. Er habe bereits ein Mandat von drei Patienten, die nach eigener Einschätzung unter den Nebenwirkungen des Cholesterinsenkers gelitten hätten, sagte Witti. Er will bei dem angestrebten Verfahren mit amerikanischen Kollegen zusammenarbeiten und das Verfahren nach Möglichkeit vor einem amerikanischen Gericht führen, um von den dort möglichen höheren Schadenersatzzahlungen zu profitieren. Die US-Gesundheitsbehörde FDA hatte den Tod von weltweit 40 Menschen, allein 31 davon in den USA, mit dem Cholesterinsenker in Verbindung gebracht.

"In Amerika wird bereits eine Sammelklage vorbereitet, und ich denke, wir werden dabei sein", sagte der Anwalt. "Unser Rechtsstab arbeitet bereits." Für übertriebene Erwartungen der Kläger sieht Witti aber keinen Grund: "Ich warne davor, dass alle glauben, das sei eine Angelegenheit, die kurzfristig zu Gunsten von Patienten gelöst wird." Es werde sehr schwer werden, die Kausalität nachzuweisen und damit die Forderungen zu begründen.

Der Arzneimittel-Experte Gerd Glaeske übte in der "Sächsischen Zeitung" deutliche Kritik am deutschen Konzept zur Kontrolle von Medikamenten. Der Professor für Arzneimittel-Versorgungsforschung an der Universität Bremen betonte, nach der Zulassung von Medikamenten gebe es keine systematische Nebenwirkungsforschung. Dies führe zu einer großen Unsicherheit auf dem Arzneimittelmarkt, vor allem nach der Zulassung neuer Wirkstoffe, wie das bei Lipobay der Fall gewesen sei: "Wir müssen von der Zufallserhebung zur systematischen Beobachtung von großen Patientengruppen kommen, wie das zum Beispiel in Großbritannien der Fall ist. Das wäre ein großer Schritt zu einer besseren Sicherheitsstufe auf dem Arzneimittelmarkt". (APA/AP)

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