Wenn Kim Jong Il das wüsste!

8. August 2001, 20:57
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Ein Plädoyer für das heimische Bahnfahren

Langschlag - Es hat der nagenden Flugangst des von den Nordkoreanern "geliebten Führers" Kim Jong Il bedurft, um einer breiten Weltöffentlichkeit die Vorzüge des Bahnreisens aktuell vor Augen zu führen. Ein schicker Panzerzug, komplett mit Satellitenanschluss und stalinistischer Handbibliothek im Korridor: Wer träumte da nicht von einer liebenswürdigen Reminiszenz an die fauchenden Dampfrösser, welche ihre menschliche Fracht einstmals von Wien nach Budweis schaukelten?

Die lächerliche Kleinigkeit, runde 9000 Bahnkilometer quer durch das sibirische Kulturland in einem gemächlich ruckelnden Panzerzug zurückzulegen, mag erst recht ermessen, wer sich zum Behufe der sommerlichen Erfrischung von Wien in das nahe Waldviertel begibt.

Heißt nicht auch der frisch gebackene Herr über Österreichs Schienenstränge "vorm Walde"? Träumt nicht ein jeder von einem schwach nach Lavendel duftenden Abteil? Vom Verweilen auf der hintersten Plattform, während man unter den "Hoch!"-Rufen gerührt nachwinkender EU-Bauern die eine oder andere Kornblume pflückt? Nein, und hierin hat Kim Jong Il ganz Recht: "Schnelligkeit" darf gerade des Sommers kein Argument für das Zurücklegen einer Wegstrecke sein!

Und so begab es sich, dass der Erzähler, von der Auskunft über die günstigsten Anschlussmöglichkeiten nach Langschlag hinter Groß Gerungs hinlänglich belehrt, einen Bus (!) zu erklettern trachtete, welcher jeden stillen Morgen gegen sieben Uhr früh die Stadt Wien vom Praterstern aus in Richtung Horn verlässt.

Die heimliche Bewunderung für Kim Jong Il, den reiselustigen Liebling der werktätigen Massen, wird insofern genährt, als die vergilbte "Dr. Richard"-Station an der Ecke zur Nordbahnstraße in Betreff des umliegenden Gestrüpps an Bilder aus Albanien erinnert, als dort noch der große Staatenlenker Enver Hodscha den Nahverkehr zur Gänze auf Muskelkraft (Fahrräder) umstellte.

Besagter Bus fuhr also nach Horn. Nach Langschlag weiter? Der Buslenker verneinte höflich die Möglichkeit eines Direktanschlusses nach Langschlag, womit er sich zwar in direkte Opposition zu seiner Zentrale begab, stellte aber immerhin ein Weiterkommen per Zug in Aussicht. "Der Vormittagsbus", beschied er dem Gestrandeten, "geht nicht in der schulfreien Zeit! Oba am 21. Dezember foart er!" Zug - das Zauberwort ist gefallen! Mit ihm gelangt man nach Sigmundsherberg. Dort nimmt man eine kleine Erfrischung zu sich, erklimmt sodann eine Schnellbahn, welche nach Schwarzenau weitereilt - wenn nicht gerade Gleisarbeiten ein neuerliches Umsteigen, und zwar in Göpfritz in ein Schienenersatzverkehrsvehikel, erzwingen.

In Schwarzenau besteigt man einen Kurzzug nach Zwettl (es ist mittlerweile elf Uhr zwanzig). Diese Perle des hohen Nordens durcheilt man von einem Ende zum anderen, um mit etwas Glück einen Bus zu besteigen, der, mit dem landschaftlich lohnenden Umweg über Rapottenstein, die Strecke nach Groß Gerungs und Langschlag zurücklegt. Ankunftszeit ist 12.45 Uhr, was einer Fahrtzeit Wien-Langschlag von fünfdreiviertel Stunden in etwa entspricht. Die Streckenlänge mag 120 Kilometer betragen.

Nur in einem Punkte beneidet man Kim Jong Il: Er wurde bei jedem Zwischenstopp gastfrei gehalten und bekam Brot und Salz gereicht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 8. 2001)

Von
Ronald Pohl

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