KHM exklusiv - die Reportage

8. August 2001, 19:55
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Wilfried Seipels Programme und Strategien gegen den Quotengau

Wien - "Gold im Titel bringt zehn Prozent mehr Zuschauer." Und also glänzt 2001 das Gold der Pharaonen und 2003 Gold aus Rumänien. Damit es dazwischen zu keinem Quotengau kommt, öffnet noch die Polnische Schatzkammer ihre Panzertüren. Womöglich liegt dort ja auch etwas vom Geld der Römer. Sicher aber findet sich etwas von der Faszination edler Steine (2002). "Schatz" kommt fast so gut wie "Gold", Schmuck klingt auch teuer, und "Barbaren" nach herzhaften historischen Vergewaltigungen. Also wurde schon 1999 Barbarenschmuck und Römergold - Der Schatz von Sziágysomloy gehoben. Unvergessen auch die lyrischen Landschaften des ägyptischen Kulturministers Farouk Hosny oder die unglaublichen Schätze der Kalifen oder die süßen Bambini Gesú oder die Tätowierte Göttin oder die Mikrobilder großer Künstler.

Das ist keine Zusammenfassung von "RTL exklusiv", das ist das Programm des Wiener Kunsthistorischen Museums. Neben Wundern und Exotica aus aller Welt setzt dessen Direktor Wilfried Seipel auch auf Gegenwart. Attersee war schon, aber dazu wird man als österreichischer Museumsdirektor wahrscheinlich schon bei Amtsantritt verpflichtet. Fuchs ist gerade. Und dass Kumpf kommt, ist ab 14. 11. auch kein Scherz mehr. Da man Janet Brooks Gerloff nun überhaupt nicht kennt, heißt ihre Schau im Harrach (ab 18. 11.) Franz Schubert - Die Winterreise. Zu der hat sie einen Bildzyklus gestaltet und auch anderswo schon ausgestellt. Nebenher porträtiert sie Prominenz von Graf Lambsdorff bis Eibl-Eibesfeld.

Hrdlicka kommt auch (2002). Schließlich hat Direktor Seipel ja schon einen Text zum unglücklichen "Fall Flora" verfasst. Ein Programm oder auch nur eine Idee hinter den Ausflügen in die Gegenwart sind nicht auszumachen. Zielen die "Großausstellungen" auf Quote durch Verpackung - Die Entdeckung der Welt - Die Welt der Entdeckungen (ab 27. 10. im Künstlerhaus) oder Alle Wunder dieser Welt (derzeit in Schloss Ambras) -, so erscheint die Auswahl der Zeitgenossen als Mischung aus persönlichen Vorlieben und/oder kommerziellen Absichten im Dienst der "wissenschaftlichen Anstalt".

Bei Peter Pongratz und den beiden Erbteilen aus Seipels Zeit in Oberösterreich, Alois Riedl und Othmar Zechyr, geht das qualitativ in Ordnung. Fuchs und Kumpf sind, sofern man den Imageverlust des KHM nicht mitkalkuliert, nur kommerziell zu rechtfertigen. Walter Stachs digitale Correggio-Paraphrasen unter dem KHM-Logo bleiben unverständlich. Und die Retrospektive des 1998 verstorbenen Porträt- und Städtemalers Hans Robert Pippal wäre wohl im Historischen Museum der Stadt Wien am richtigeren Platz gewesen. Dem Kunsthandel aber dürfte die willkommene Weihe des Zweitligisten nur recht sein.

Zeitgenossen außerhalb des eigenen Einflusses reizen Seipel weniger: Zur Eröffnung der Schau österreichischer Skulptur, organisiert durch die Galerie Thoman im Park von Schloss Ambras, erschien er, obwohl Mieter und anwesend, nicht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 8. 2001)

Von
Markus Mittringer

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