Sharon in Ankara: Besuch bei Freunden - Von Gudrun Harrer

8. August 2001, 18:33
2 Postings

Militärische israelisch-türkische Zusammenarbeit erregt arabische Gemüter

Ankara/Jerusalem/Wien - Im Grunde genommen kam Ministerpräsident Ariel Sharon am Mittwoch nach Ankara zu Freunden, auch wenn das angesichts der antiisraelischen Proteste nicht gerade so aussah. Dass der israelische Besuch in der Türkei überhaupt stattfand, während in den Palästinensergebieten die Intifada und ihre Niederschlagung wüten, ist ein starkes Signal: Die türkische Realpolitik hat klare Prioritäten, und da kann Palästinenserchef Yassir Arafat, der im Februar in Ankara freundlich empfangen wurde, noch so sehr auf Solidarität vonseiten seiner muslimischen Brüder hoffen.

Bemerkt beinahe nur von Experten, haben im Juni in der Zentraltürkei die bisher größten türkisch-israelisch-amerikanischen Manöver beziehungsweise das erste gemeinsame Luftwaffenmanöver überhaupt seit Entstehen der neuen strategischen Achse Israel-Türkei im Jahr 1996 stattgefunden. Die Türken warfen 46 Kampfjets in die Scheinschlacht, die Israelis immerhin zehn F-16, zwei Tankflugzeuge und etliche Hubschrauber, die USA beteiligten sich mit sechs F-16. In den Jahren zuvor hatte es drei eher kleine Seemanöver gegeben.

Erbakan unterschrieb

Der Beginn der israelisch- türkischen militärischen Zusammenarbeit, die sich 1997 zu einer "Verteidigungsdoktrin" (allerdings ohne Beistandsverpflichtung) auswuchs, wurde noch von Tansu ¸Ciller eingeleitet, ausgerechnet der islamistische (!) Premier Necmettin Erbakan unterzeichnet den Pakt. Syriens Vizepräsident Abdelhalim Khaddam bezeichnete ihn damals als für die arabische Welt "verhängnisvollste Entwicklung seit der Gründung Israels 1948". Tatsächlich hat er das militärische Gleichgewicht in der Region massiv verändert - die Ausweisung Öcalans aus dem in die Zange genommenen Syrien 1998, nachdem türkisches Militär an der syrischen Grenze plötzlich Stärke demonstrierte, war nur eine der unmittelbaren Folgen.

Die Zusammenarbeit ist weitreichend: Türkische Piloten werden in Israel ausgebildet, und Israel darf im Gegenzug im weiten türkischen Luftraum "üben", auch an den Grenzen zu Syrien, Iran und Irak, ein reiches Betätigungsfeld für Aufklärung. Es wird spekuliert, dass Israel auch an türkischen Frühwarnstationen an diesen Grenzen zumindest beteiligt ist.

Der Testfall, wie weit die Nutzung des türkischen Luftraums für Israel gehen könnte, hätte schon im Dezember 1998 kommen können: falls der Irak auf die US-Militärschläge mit Angriffen auf Israel geantwortet hätte und Israel von der Türkei aus zurückschlagen hätte wollen. Konkret hat der Pakt bereits funktioniert, als die Türkei iranischen Nachschub-Flugzeugen für die Hizbollah im Libanon den Überflug strich.

Für Israel sind weiters die türkischen Häfen interessant, nicht zuletzt für seine neuen deutschen Dolphin-U-Boote. Die Türkei ist ihrerseits auf den Technologietransfer und Waffenkauf aus Israel angewiesen, diesmal ist der Verkauf von Popeye-Luft-Boden- Raketen, Arrow-Luftabwehrraketen und die Modernisierung türkischer M-60-Panzer Thema. Kurdische und griechische Lobbyisten beklagen, dass die Aufrüstung der Türkei an allen Protesten vorbei durch Israel erfolgt, mit US- Waffen, aber auch vermehrt mit Gerät aus israelischer Produktion - zum Ärger der USA.

Überaus interessant für die Israelis ist auch der Einfluss der Türkei im erdöl- und gasreichen Zentralasien, nicht nur geschäftlich ebnet ihnen die Freundschaft den Weg. Israel hat vitales Interesse an den US-Projekten zu Ölgewinnung und -transport in Zentralasien, was sich nicht zuletzt in intensivem jüdischem Lobbying für diese Projekte (etwa die Pipeline in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan) niederschlägt. Und laut Janes Intelligence Review ist die geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Aserbaidschan bereits weit gediehen: Von dort aus sieht man gut nach Iran, und von Tadjikistan aus nach Afghanistan.

Wasserhandel

Und nicht zuletzt schielt Israel nach dem türkischen Wasser - ein Grund mehr für Ärger bei Syrern und Irakern, die klagen, dass die Türkei ihnen durch die Gap-Staudämme in Südanatolien den Hahn abdreht. Ab 2002 wird die Türkei Trinkwasser nach Israel exportieren. Und auch sonst blühen im Rahmen des 1997 abgeschlossenen Freihandelsabkommen die Geschäfte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. August 2001)

Share if you care.