Immer mehr Staaten Europas auf dem Weg zu Freiwilligen-Armeen

8. August 2001, 14:22
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Bern/Wien - Immer mehr Staaten Europas ersetzen ihre Wehrpflichtigen- durch Freiwilligenarmeen, in anderen Ländern, so auch in Österreich ist eine entsprechende Diskussion im Gang.

Schweiz: Reines Wehrpflichtigen- Milizheer

Als einziges Land der Welt hat die Schweiz traditionsgemäss ein reines Wehrpflichtigen-Milizheer ohne stehende Truppen - sieht man von den rund 3600 Mann starken Berufskadern des Instruktorenkorps, des Überwachungsgeschwaders des Festungswachtkorps ab. In den eidgenössischen "Orten" (Kantonen) galten von Alters her die allgemeine Wehrpflicht und das Miliz-System (dagegen waren die Soldtruppen in fremden Diensten stehende Formationen).

Einzig zur Zeit der Helvetischen Republik (1798-1803) gab es eine stehende Ordnungstruppe in der Schweiz - die 1500 Mann starke Helvetische Legion. Sie wurde aber nach 1803 wieder durch kantonale Milizen ersetzt. In den Bundesverfassungen von 1848 und 1874 war die Aufstellung stehender Truppen ausdrücklich verboten, die neue Verfassung hält lediglich das Milizprinzip fest.

1960: Erstmals Berufsarmeen in Kanada und England

Am frühsten erfolgte die Abschaffung der Wehrpflicht und der Übergang zu einer Berufsarmee in den anglo-amerikanischen Staaten: Großbritannien und Kanada 1960, in den USA mit dem Rückzug aus Vietnamkrieg 1973. Heute umfasst die amerikanische Berufsarmee 1,4 Millionen Soldaten und Soldatinnen, die britische Berufsarmee zählt 210.000, die kanadische 61.000 Männer und Frauen. Dazu kommen freiwillige Miliztruppen.

Benelux-Staaten folgen 1995

Auf dem Kontinent schafften zunächst die Benelux-Staaten die Wehrpflicht 1995/96 ab. Die Berufsarmee der Niederlande zählt 56.000 Aktive, jene Belgiens 42.000 Soldaten. Luxemburg hat 700 Berufssoldaten. Frankreich wandelt derzeit seine Wehrpflichtigenarmee von 410.000 Mann in eine Berufsarmee mit 300.000 Uniformierten um. Spanien und Italien planen den Übergang zur Berufsarmee für 2003 bzw. 2005. Italiens Streitkräfte werden von knapp 300.000 auf 190.000 Soldaten verringert, jene Spaniens von rund 190.000 auf 110.000. Die übrigen NATO-Staaten halten derzeit an der Wehrpflicht fest, reduzieren aber ihre Bestände.

Deutschland: 30.000 Wehrpflichtige weniger

So soll die deutsche Bundeswehr nach jüngsten Plänen von derzeit rund 320.000 Soldaten auf 240.000 Mann verkleinert werden, von denen nur gerade 30.000 Wehrpflichtige sein werden. In Russland wurden die Streitkräfte in den letzten Jahren von 1,5 auf 1,2 Millionen Mann verkleinert. Der vom ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin geplante Übergang von einer Wehrpflichtigen- zu einer Berufsarmee bis zum Jahr 2000 wurde jedoch wegen des Krieges in Tschetschenien verschoben.

Die neutralen Staaten Westeuropas haben noch die allgemeine Wehrpflicht. Schwedens Streitkräfte zählen rund 55.000 Mann (mit Reserven ca. 700.000 Mann), jene Finnlands 31.000, und das österreichische Bundesheer hat 45.000 Mann.

Österreich: Wehrpflicht mindestens bis 2006

In Österreich hatte die Offiziersgesellschaft im Februar 2000 keinen aktuellen Meinungstrend zu einem Berufsheer gesehen. Die allgemeine Wehrpflicht sei in der Bevölkerung akzeptiert, hatte sie verlauten lassen. Kurz darauf hatte Verteidigungsminister Herbert Scheibner sich für ein Bundesheer mit starkem Anteil an Berufssoldaten ausgesprochen. Mittelfristig werde es zu keiner Abschaffung der Wehrpflicht kommten, sie werde bis mindestens 2006 bleiben, sagte der Minister im April 2000. Eine im selben Monat eingesetzte Expertenkommission war nach Abschluss ihrer Untersuchungen zur Feststellung gekommen, dass man nur dann eine Umstellung auf ein Berufsheer überlegen könne, wenn Österreich Teil eines Bündnisses mit einer Beistandspflicht wäre. (APA/sda)

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